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Shaun Tan:
Der Vogelkönig und andere Skizzen

Aus dem Englischen von Eike Schönfeld

Hamburg: Carlsen 2011

www.carlsen.de

ISBN 978-3-551-51759-3
134 S * 24,90 € * ab 12 J

 

 

 

 

Shaun Tan, Gewinner des «Dt. Jugendliteraturpreises» und des «Astrid Lindgren Memorial Awards (ALMA)», gewährt Einblick in seine Denk-, Zeichen- und Kreativart: eine Art Werkverzeichnis. Das beginnt mit dem Umgang des leeren Blatt Papiers und endet mit Auszügen aus den Notizbüchern, die für ihn «das Gegenteil ‚veröffentlichungswürdiger‘ Arbeiten» sind. Einige einführende Texte und Tans Anmerkungen zu vielen Skizzen eröffnen eine ganz eigene Welt.

Einblicke

Auch wenn Shaun Tan keine Geschichte erzählt. Wir denken uns ganz viele. Er schreibt, dass seine Skizzen und Entwürfe sich möglichst nicht festlegen, ihn dagegen an eine bestimmte Stimmung erinnern sollen. Wenn er ihnen einen Text gibt, so soll er ebenso mehrschichtig sein wie die Skizzen. «Desolate walk to a golden destination» ist so eine Unterschrift, die «desolat» sehr unpassend in Verbindung bringt mit «Goldener Bestimmung» oder mit «Ein furchtbarer Unfall, über den niemand sich zu sprechen traute; in einem Land, dessen Name niemand wusste; Terrorakte in einer Schule; zog jeweils einen Beutel hinter sich her; wir durften nicht mit ihm spielten, was wir auch befolgten [freie Übersetzung]» eine ganze Reihe von Bildern und Geschichtsverläufen in uns freisetzt. Tans kleine Skizze zeigt dazu ein Menschen ähnliches Wesen mit Katzenkopf und einer großen ganz schlecht genähten Narbe vom fehlenden rechten Ohr bis zum linken Mundwinkel, das einen Sack mit ähnlich schlecht genähtem Riss hinter sich herzieht, der halb durchsichtig ist und etwas beinhaltet, dass wir nicht genau identifizieren können. Wir erkennen ein Auge, vielleicht zwei, eventuell ein Nase eines Tieres. Im Hintergrund sehen wir zwei alte Telefonmasten und einen Ort oder Fabrik unter einer Wolke, die sich unten schon dunkel verfärbt. Verlässt das Wesen den Ort oder zieht es an ihm vorbei?

Fallen diesem Menschen die Geschichten einfach nur so zu oder gibt es ein System, einen «Trick»? Tan sagt: «Bilder denkt man sich nicht vorher aus und zeichnet sie dann, sie werden beim Zeichnen gedacht» und «Künstler erschaffen weniger, als dass sie verwandeln».

Auch wenn es sich um Skizzen, erste Eindrücke handelt, zumeist schnell hingeworfen, so erkennt man doch, dass es mit Sehen allein nicht getan ist. Shaun Tan hat eine sichere Hand und ein Gefühl für die richtigen Linien, sodass ein bewegtes Wasserbecken mit wenigen richtig gesetzten Strichen entsteht, ein altes Segelschiff mit extrem hohen Bug, fremde Wesen, eine ihr Baby beschützende Mutter, Figuren die ihre Umgebung selbst zu Ende zeichnen.

 

Wer danach keine Lust bekommt, seine Umwelt oder seine Gefühle ebenfalls in einem Skizzenbuch festhalten zu wollen, für den ist dieses Buch nicht geeignet. Für alle anderen aber sehr, auch wenn sich nicht gleich ähnliche Geschichten einstellen, wie sie sich durch die wenigen vagen und gar nicht detaillierten Unterschriften in unseren Köpfen einstellten – vorausgesetzt, wir können ein bisschen Englisch (denn diese sind im Original und nur einige werden im Anhang übersetzt) und können die zum Teil sehr undeutliche Schrift entschlüsseln.

 

 

 

Ulrich H. Baselau für den "Wittmunder BilderBuchBär"en