Maja Bohn:
Mama, wo ist eigentlich das Gestern hin?

Rostock: Hinstorff 2011

www.hinstorff.de

ISBN 978-3-356-01420-4
40 S * 14,95 € * ab 04 J

 

 

 

 

Es gibt kein JETZT, keine Gegenwart, kein Heute. Wenn ich das Wort «jetzt» ausspreche, dann ist es zunächst Zukunft, im Lauf der Aussprache aber schon Vergangenheit. Wo, so fragt der Buchtitel, bleibt die Vergangenheit? In unserem Kopf?. Das Mädchen mit der großen Brille sucht danach, nach dem «Gestern». Wir mit.

Manchmal ist ein Tag ein ganzes Leben

Loretta Koschke heißt das nach dem Gestern suchende Mädchen. Nacheinander befragt sie ihre Mutter, ihren Haushering Bodo, den Hamster, einen Zauberer, den Schmetterling, Herrn Zapf, Heiner, den Ziegenbock, einen Alien. Sie sucht im Kühlschrank, unter dem Teppich, im Mülleimer.
Selbstverständlich findet sie das Gestern nicht, aber sie kommt auch nicht auf die Idee, nach Spuren zu suchen, die das Gestern hinterlassen hat. Sie sucht immer nur nach neuen «Personen», die sie befragen kann. Das ist nicht besonders originell, und auch die etwas schnoddrige Sprache macht die Suche für den Leser nicht interessanter. Im Gegenteil, er ist eher ein bisschen genervt über den für ein Bilderbuch vielen Text, der zudem sehr klein gedruckt ist, sodass die ältere Schwester, die schon lesen kann, bald aufgibt. Viel weniger Text würde auch den Bildern gut tun, der sympathischen Figur des Mädchens, das nach den Geheimnissen des Lebens sucht.
 

Die Idee, Tiere sprechen zu lassen (Haushering, wilde Gans, Eintagsfliege, Hamster, Schmetterling, Alien, Ziegenbock), ist nicht besonders originell, dann schon eher die Befragung einer älteren Person. Die gibt denn auch einen Hinweis: «Das Gestern … ist in dir drin, in deinen Gedanken und Erinnerungen.» sagt der Nachbar, der alte Herr Zapf.

Die Bilder verzichten auf Realismus und sind in ihrer Schrägheit sehr angenehm. Loretta ist trotz oder gerade wegen ihrer Hässlichkeit mit dem Überbiss (bei ihrer Mutter ein wenig übertrieben) und der starken Brille mit den riesengroßen Gläsern eine echte Identifikationsfigur.

Kurz: Tolle Bilder, schönes und ungewöhnliches Thema, aber der Text ist nicht nur deutlich zu lang, sondern die Geschichte ebenso deutlich zu dünn. Schade.

 

 

 

Ulrich H. Baselau für den "Wittmunder BilderBuchBär"en