Andrea Hensgen & Joëlle Tourlonias:
Besuch bei Oma

Berlin: Jacoby & Stuart 2011

www.jacobystuart.de

ISBN 978-3-941787-24-7
28 S * 12,95 € * ab 03 J

 

 

 

 

Ein bisschen Schummeln oder kräftig Lügen? Kurze Dialoge zwischen Kind und Mutter (zwei Fragen, zwei Antworten) beziehen sich auf den Besuch Matzes bei Oma. Die Bilder rechts «bei Oma» sprechen eine völlig andere Sprache als der Text links unter den Bildern «wieder zu Hause», konterkarieren ihn. Nachdem Oma (wohl längere Zeit) aufräumte, ruft sie bei Matze an, und da kehren sich die Seiten um, das «kleine Schummeln» aber bleibt.

Bilder sind wahrer als Text

Wir sind unbeteiligte Beobachter, die von Beginn an merken, dass Matze (wir erfahren erst spät den Namen des Kindes) den Fragen seiner Mutter ausweicht, ihr offensichtlich das erzählt, was sie hören will. Daneben zeigen die Bilder links, dass das tägliche Ritual dabei seinen Gang nimmt: Begrüßung mit Umarmung; Mutter ist offensichtlich auch eben erst angekommen, denn sie zieht sich ihre Schuhe aus, während Matze seinen Rucksack auspackt. Beide machen sich fertig für den Abend, die Toilette wird nicht ausgespart. In Schlunz-Kleidung soll zu Abend gegessen werden.

Die zweite Kamera berichtet zeitgleich, sodass alles, was Matze seiner Mutter erzählt, ein bisschen stimmt, aber viel davon falsch ist. Den Streuselkuchen haben Oma und er eben nicht warm gegessen, er hat genascht. Er ist nicht nur eine Runde Karussell gefahren, sondern mindestens vier. Er hat nicht nur zwei Kugeln Eis gegessen, sondern eine riesige Schale. Er hat nicht nur zwei Lose = Nieten gezogen, sondern … 

Eine sehr schöne Idee, die Schummelei sogleich für die Betrachter aufzudecken. Die Situation des Vorlesers und des Kindes werden geprägt von den Schummeleien des Kindes und dem Umgang der Erwachsenen damit. Selbstverständlich sind die nicht so dumm, dass sie die Antworten nicht durchschauen, aber sie spielen das Spiel mit, sind liebevoll trotz aller Unbilden, die ihnen selbst dabei passieren. Selbstverständlich räumt Oma anschließend allein auf und verwöhnt vorher ihr Enkelkind, dessen gemalte Bilder sie unter die Fotos der Ahnen an die Wand hängte, von den auf die Tapete gezeichneten Bildern ganz zu schweigen.

Die Bilder schauen jeweils in Zentralperspektive durch je eine Wand in zwei Wohnungen. Eine Seite des quer-formatigen Buches wird vom Bild ausgefüllt, die andere zeigt das Bild proportional verkleinert, damit unten Platz für den Text entsteht. Die drei Personen sind sehr sympathisch dargestellt, Oma mit sehr kleiner Lesebrille und glattem Haar mit Dutt, Mutter mit dunkelrotem Haar mit Pferdeschwanz, Matze mit frecher Haartolle nach vorn und zumeist mit breitem freundlich gebogenem Mundstrich. Auch wenn die Einzelteile der Personen nicht «ausgezeichnet» wurden, entsteht der Eindruck von Realität, weil sich viele Einzelheiten in der Umgebung befinden: Teddybär, Katze, Zuckerstreuer, gefüllte Regale, Schatten, Tesafilmstreifen und so weiter. 

Das Buch erzieht ohne Zeigefinger, dass es sich nämlich nicht lohnt, zu mogeln, denn es gibt eine zweite Wirklichkeit, und die kann nicht nur bekannt werden, die ist schon da. Die Rolle von Mutter und Großmutter ist dabei gar nicht geschwächt, denn wir nehmen an, dass sie sehr wohl verstehen, was das Kind erzählt, aber sie halten sich dezent zurück und wollen ihn nicht etwa bloßstellen.

 

Ulrich H. Baselau für den "Wittmunder BilderBuchBär"en