Jürg Schubiger & Rotraut Susanne Berner:
Als der Tod zu uns kam

Wuppertal: Peter Hammer 2011

www.peter-hammer-verlag.de

ISBN 978-3-7795-0312-5
32 S * 13,90 € * ab 04 J

 

 

 

 

Es gab eine Zeit, da man ihn nicht kannte, «nicht einmal seinen … Namen». Doch irgendwann kam der etwas tollpatschige Tod ins Dorf, und als er es wieder verlässt, liegt «mein kleiner Bruder auf dem Bauch und regt sich nicht.» Das ist die Sichtweise der Schwester, deren Leben anders wird mit dem Brand des Hauses. Der Tod spielt eher eine Nebenrolle, die er wohl auch noch furchtbar gern abgeben würde.

Leid, Mitleid, Trost

Wie eine wirklich tragische Figur, mit der irgendetwas geschieht, was sie selbst nicht versteht, so zeichnet Rotraut Susanne Berner den Tod. Er steht auf einem schwarzen Klecks wie eine alte Margarinen- oder Zinnfigur. Seine ganze Haltung ist ein einziges heulendes Elend und Betroffenheit pur. Wieder einmal hat seine Anwesenheit dafür gesorgt, dass ein Mensch sterben musste, und dieses Mal ist es auch noch ein junger Mensch. Mein Bruder.

Erst spät verstehen wir, dass wir die Sichtweise eines jungen Mädchens verfolgen, obwohl das erste Bild deutliche Hinweise gibt, die wir aber wohl übersehen hatten: Aufsteigend sehen wir einen kleinen Teddy, den der etwas größere Junge an seiner rechten Hand hält, daneben und noch größer das Ich-Mädchen, daneben und noch viel größer eine einzelne Rose mit sieben Dornen, alle seltsam unbeweglich, genau wie das ganze kleine Universum auf der nächsten Doppelseite ohne Text. 12 Menschen sehen wir, 6 Häuser, wenige Bäume, ein Bach, Amsel, Hund, Schnecke, Katze, Fliege, Fisch. Das ist der Kosmos des Mädchens.

In diese Welt wird der Tod gestellt. Auch wenn er eine leichte Geh-Haltung vorgibt, so steht er doch auf einer kleinen schwarzen flachen Plattform, und seine ganze Haltung zeigt ein schreckliches Unwohlsein. Er weiß offensichtlich, dass er spätestens nachher unwillkommen sein wird, aber er kann sein Schicksal auch nicht abwenden.

Alle anderen schauen ihm eher neugierig, mit offenem Blick entgegen. Der Tod dagegen scheint zu ahnen, was er wieder anstellen wird. Seine Schultern hängen, ein schwarzer Regenschirm deutet an, wozu er gebraucht werden wird. Und so stolpert er in das Leben des kleinen Ortes hinein, die ihn und sein Ungeschick eher spöttisch zur Kenntnis nehmen, bis sie feststellen, dass es ernst ist mit dem kleinen Jungen und seinem Teddy, dem der Tod immerhin noch das eine Bein wieder annäht bis er das tun muss, was das Schicksal offensichtlich für ihn vorher bestimmt hat.

Die Menschen machen ihm keinen Vorwurf, sie bedanken sich für seine Hilfe und sein Mitgefühl und wünschen ihm eine gute Reise.

Als es wieder Herbst wird, stehen die Menschen im Dorf nicht wie früher jeder für sich, sie stehen jetzt dicht beisammen, und ein junger Mensch ist geboren. Die Tiere zeigen, was der Lauf der Geschichte ist: Die Katze fängt den Fisch aus dem Fluss, die Amsel die Fliege, die Bäume verlieren ihre Blätter und die Rose hat eine Hagebutte gebildet.

 

Auch wenn sich der Kern der Geschichte nicht gleich erschließt oder vielleicht gerade deswegen: Sie geht unter die Haut. Der Tod erledigt seine Arbeit durch seine Tollpatschigkeit, und dennoch ist ihm niemand böse darum.

 

Ulrich H. Baselau für den "Wittmunder BilderBuchBär"en