Jörg Amann & Käthi Bhernd:
Das Märchen von der Welt


nach Georg Büchner
Zürich: Nord-Süd 2010

www.nord-sued.com

ISBN 978-3-314-01519-9
28 Seiten * 14,95 € * ab 05 Jahre

 

 

 

 

Georg Büchner lässt in seinem „Woyzeck“ die Großmutter ein Märchen erzählen, dass die ganze Sinnlosigkeit dieser Welt in sich fasst. Wenige Zeilen nur. Hier erzählt Jörg Amann diese traurige Geschichte nach, aber Käthi Bhernd gehört das letzte Bild, und das lässt uns ein wenig aufatmen. – Ein aufwühlendes „Märchen“.

Alleinsein

Die Seiten des fast quadratischen Buchs haben einen schwarzen Hintergrund mit den Sonnensystemen einer Galaxie, vielleicht unsere Milchstraße. Darauf wird die Geschichte gezeichnet und auf der linken Seite so geschrieben, als wäre es eine Hand-Druck-Schrift. Das „arme Kind“ ist in blassem Blau gekleidet. Auffällig ist die Pulloverkapuze mit den „Strahlen“, die aus dem Kinderkopf eine stilisierte Sonne machen. Die orange-farbene Umhängetasche gibt einen guten (Komplementär-) Kontrast

Von Beginn an sehen wir, dass das arme Kind eine Rettungsleine mit sich trägt. Es will den Mond befragen und die Sonne und auch alle Planeten, aber das Kind ist gebunden an das große Wollknäuel, mit dem die Großmutter (sie wird in dieser nacherzählten Geschichte nicht erwähnt) ihr Enkelkind sichert.

Diese Kleinigkeiten in den Bildern machen die Geschichte erträglich, die bei Büchners Drama zur Depression führt, führen muss. Dennoch ist die Geschichte insofern Ernst zu nehmen, dass wir genau schauen, hören und fühlen, was in unseren Kindern vorgeht. Das machen Text wie Bilder ganz deutlich: Das Kind ist – trotz der Sicherungen – allein, und es weiß das. Dennoch schaut es immer noch neugierig aus schwarzen Knopfaugen, ist völlig sicher in sich, dabei schauen hinter vier leicht geöffneten auf ihn.

Und das ist die gute Botschaft, die auch kleine Kinder erfahren dürfen, erfahren müssen: Was immer du tust und fühlst, wir stehen hinter dir, nicht weit weg. Und wenn du fällst, dann passen wir auf, dass du nicht deinen Kopf an der Tischecke stößt. Aber an deiner Erkundung werden wir dich nicht hindern, denn die Welt musst du dir selbst erobern wie alle anderen auch.

Das ist eine völlige Verkehrung des Textes – vor allem des Originaltextes bei Büchner – durch die Bilder und zeigt, welche Macht das Gezeichnete hat.

 

Ein mutiges Buch, dem vergönnt sein möge, dass wir es mit Muße betrachten, lesen, verstehen – und dann unseren Kindern oder Enkeln vorlesen und viel Zeit lassen für die Bilder.

 

 

Ulrich H. Baselau für den "Wittmunder BilderBuchBär"en

 

 

Anhang: Georg Büchner, Woyzeck (Fragment)

 … Es war eimal ein arm Kind und hat kei Vater und kei Mutter war Alles todt und war Niemand mehr auf der Welt. Alles todt, und es ist hingangen und hat greint Tag und Nacht. Und weil auf der Erd Niemand mehr war, wollt's in Himmel gehn, und der Mond guckt es so freundlich an und wie's endlich zum Mond kam, war's ein Stück faul Holz und da ist es zur Sonn gangen und wie's zur Sonn kam, war's ein verreckt Sonneblum und wie's zu den Sterne kam, warens klei golde Mück, die waren angesteckt wie der Neuntödter sie auf die Schlehe steckt und wie's wieder auf die Erd wollt, war die Erd ein umgestürzter Hafen und war ganz allein und da hat sich's hingesetzt und geweint und da sitzt es noch und ist ganz allein …

zitiert nach:
http://www.klett.de/sixcms/media.php/229/350470_0150_Buechner_Woy.pdf