Kate DiCamillo & Bagram Ibatoulline:
Eine große Freude

Aus dem Englischen von Nicola T Stuart

Berlin: Jacoby & Stuart 2010

www.jacobystuart.de

ISBN 978-3-941787-01-8
32 Seiten * 14,95 € * ab 03 Jahre

 

 

 

 

Vorsatzpapier aus Gold, sanft fallende Schneeflocken in den Häuserschluchten, warmes Licht aus den Fenstern: Wir befinden uns kurz vor Weihnachten. Die kleine Helen macht sich Sorgen um das kleine Äffchen und dessen Leierkastenmann an der Straßenecke. Wo schlafen die beiden, die seit so vielen Tagen immer dort unten stehen?

Offene Türen

Helen geht wohl gerade eben schon zur Schule, das kleine Einmaleins hat sie jedenfalls schon gelernt. Sie wohnt mit ihrer Mutter mitten in New York City, ziemlich weit im Süden Manhattans, eine schon immer ziemlich teure Wohngegend. Ihren Text für das Weihnachtsspiel in der Kirche kann sie gut, ihre Mutter näht ihr gerade noch den Saum des Engelskleids um und kann sich gar nicht um die Sorge ihrer Tochter kümmern, will es vielleicht auch gar nicht. Menschen, die auf der Straße leben, passen nicht in diese Gegend, es sei denn, sie bleiben auf der Straße.

Kate DiCamillo schiebt den Affen, das kleine Äffchen mit dem roten Fes-Hut, in den Vordergrund. Er steht an der Straße mit seinem alten Drehorgelmann. Es ist nicht der alte Drehorgelmann, der mit seinem Äffchen dort steht. Helen sorgt sich. Was macht das Äffchen in der Nacht? Wo schläft es? Wo hat es ein warmes Refugium? Es sorgt das kleine Mädchen so sehr, dass es mit allen Mitteln wach bleibt bis nach Mitternacht, um sich zum Fenster zu schleichen. Und in der Tat sind die beiden immer noch an der Ecke, das Äffchen im Mantel des Alten, der ganz plötzlich hinaufschaut zu ihrem Fenster.

Wir sehen mit den Augen des Alten. Auf dem Fenstersims ein kleines gelbes Licht, das das engelsgleiche Gesicht des Kindes von unten links vor dem dunklen Fensterloch beleuchtet. Gelbgoldene Schneeflocken fallen herab, die Straßenlaternen nehmen, ja die ganze Straße nimmt die goldene Farbe auf. Ein gerader Blick des Mannes zum Kind – und zurück, so wie zwischen Kind und Mutter auf dem nächsten Bild in der Küche. Sie bittet darum, die beiden einladen zu dürfen zu einem Essen, die Mutter lehnt ab: „Weil sie Fremde sind, darum.“

Selbstverständlich geht die Geschichte gut aus, wir befinden uns vor Weihnachten, und wir verdrücken nur eine kleine Träne der Glückseligkeit.

Wer im Besitz der zumeist doppelseitig gedruckten Bilder ist, kann sich ebenso glücklich schätzen, denn sie erzählen nicht nur je eine eigene kleine Geschichte, sind das Ergebnis von genauer Beobachtung und exaktem Einfühlungsvermögen, von der hervorragenden Maltechnik ganz zu schweigen.

Nehmen wir beispielhaft das Bild gegen Ende, in dem Helen dem Äffchen ein Geldstück reicht. Es könnte sogar gut Thema einer Abituraufgabe sein: Aufbau, Gruppierung, Handlungsabsicht jeder Person, Blickrichtungen, Bildtiefe, vermutete Gedanken der Personen, die sich durch die jeweilige Haltung und Gesichtsausdruck bestätigen lassen. Und das ist nur eins der 14 Bilder.

Man kann die Bildergeschichte aber auch einfach (vor)lesen, die Bilder auf sich wirken lassen und sich über das glückliche Ende freuen – auch wenn Lebensgeschichten so nicht enden. Darüber denken wir später nach.

 

 

 

Ulrich H. Baselau für den "Wittmunder BilderBuchBär"en