Jutta Richter & Jacky Gleich:
Als ich Maria war

München: Hanser 2010

www.hanser.de

ISBN 978-3-446-23591-5
32 Seiten * 12,90 € * ab 03 Jahre

 

 

 

 

Die Bilder sind mit ganz hartem, grobem Pinsel mit kurzen Haaren gemalt, fast gekratzt. So grob fühlt sich die Erzählerin angefasst in ihrer neuen Umgebung. Vor Lehrer Hanke haben alle Angst, aber das hindert die anderen Kinder nicht, das Mädchen zu ärgern. Sie darf nur das Schaf sein im Krippenspiel, dabei wäre sie so gern die Maria.

Als wir am Fluss wohnten

„Als wir am Fluss wohnten …“ wiederholt sich der Text mehrfach, so wie man erzählt, wenn es zwischen dem „damals“ und dem „heute“ eine Zäsur gab, irgendetwas, was das Leben nachhaltig veränderte.

Wenn die Geschichte losgeht, wird sofort ins Präsenz gewechselt. Jetzt sind wir emotional dabei, wachen mit der Ich-Erzählerin auf in der Einzimmerwohnung, wo sie mit der Mutter das Bett teilt und der Küchenherd angeheizt wird, weil er zugleich Ofen sein muss. Es ist Winter und in der Schule wird das Krippenspiel eingeübt, aber wer erstens neu ist im Ort und zweitens kurzhaarig und drittens auch noch eine dunkle Hautfarbe hat, für den gibt es keine attraktive Rolle. Ziel von Spott und von Schneebällen, ja, aber Hirte oder gar Maria?

Die Doppelseiten im Querformat machen die Landschaft flach und weit. Aus den Schornsteinen der wenigen Häuser kommt kurzer Rauch, in die Farbe gekratzt, ein schiefer kahler Baum, ganz wenig Gras. Man duckt sich unwillkürlich und lehnt sich gegen den kalten Wind, der offensichtlich meist von links kommt. Der Sprung in das Zimmer macht nicht wirklich warm, denn noch ist der Ofen nicht angeheizt, die Farben sind stumpf, auch hier gekratzt, kaltes Grün, Ocker, Erdbraun.

Die Typen in der Schule sind fast überzeichnet. Man sieht ihnen an, dass sie nicht „bürgerlich“ aufwuchsen, die Jungs haben ihr Vergnügen, wenn die Mädchen wegen der Maus kreischen, sie schneiden Grimassen, kichern, stecken den Finger in die Nase und tun so, als ob das Schimpfen oder Wütendsein von Lehrer Hanke sie beeindrucken würde.

Wir dagegen lassen uns wirklich beeindrucken, und zwar von der Tiefe der Bilder, die uns hineinziehen in diese einfache Geschichte, die mit der Enthüllung, dass das Mädchen farbig ist, weiteren Schwung gewinnt. „Du bist ganz besonders …“ sagt Mutter, dabei ist das Letzte, was das Mädchen sein will. Obwohl: Die Maria wäre sie doch sehr gern. Auch mit kurzen Haaren und dunkler Hautfarbe.

Ein ganz anderes Weihnachtsbuch, anrührend und heimelig, trotz der kratzigen Darstellung.

 

 

 

Ulrich H. Baselau für den "Wittmunder BilderBuchBär"en