Christian Morgenstern & Ninon Seydel:
Der Marabu

Zürich: Bajazzo 2010

www.bajazzoverlag.ch

ISBN 978-3-905871-20-3
32 Seiten * 12,90 € * ab 03 Jahre

 

 

 

 

18 Zweizeiler dichtete Christian Morgenstern an der Kante von Sinn zu Unsinn. Ninon Seydel zeichnet nun dazu einen freundlichen Marabu mit rotem langen Schnabel. In der Wirklichkeit aber ist der Marabu das Sinnbild des „alten“ Lehrertyps: Der schwarze Gehrock deutet Eleganz an, der Rest des Körpers – vor allem der fast nackte Hals – spricht dieser aber Hohn.

der Lehrer heißt „Mester“

Den Text als Ganzes verstehen auch Kinder ab 3 Jahren. Im konkreten Fall jedoch bedarf es der Hilfe des erwachsenen Vorlesers, falls dieser interpretieren kann. Morgenstern schreibt: „Er denkt, es hat des niemand acht, wodurch er so gelehrt sich macht.“ So spricht man heute nicht mehr (wenn „man“ denn je so sprach) und versteht so leicht nicht den Sinn („Niemand achtet drauf“).

Christian Morgenstern berichtet vom lesenden Marabu, dieser Karikatur eines Lehrers. Schlau macht er sich durch das Lesen im Geheimen, des Nachts in der Oase. Ach so, denkt der Leser der Geschichte, Lesen macht schlau! Sieh an! Zwei eher lachhafte Figuren mit lachhafter Verkleidung wollen ihn mit Hilfe eines (ur)alten Fotoapparats „überführen“. Der Lehrer ist nicht schlau an sich, selbst als seine eigene Karikatur nicht. Nein, seine Klugheit ist kein Wunder, sie hat eine einfache Ursache: Der Lehrer liest.

Was nun macht einen Marabu aus? Ein langer Schnabel, eine Brille, eine Umhängetasche, ein Buch, eine Thermoskanne, eine Picknickdecke. Mit etwas Leim und einem Gummiband für den Schnabel wird Hans Mogel „in einen Marabu verwandelt“. Der Fotograf – und das mag vielleicht der Ausgang für Morgenstern gewesen sein – sieht von ganz allein aus wie dieser merkwürdige Vogel, wenn er sich unter das Tuch begibt, damit gewiss kein Licht auf die Fotoplatte fällt. Der Balgenbaum des Apparats bildet den, wenn hier auch gefalteten, Schnabel.

Der Illustrator gibt dem Marabu nicht nur einen roten Schnabel, er gibt ihm auch Storchenbeine. Die kleine Brille mit den runden Gläsern passt gut zu den drei Haaren auf dem Kopf. Die Oase besteht aus einer Oase und einem kleinen Gewässer, die Nacht ist hell genug zum Lesen. Die beiden „investigativen Reporter“ sind zunächst schwarze Schatten, die die Silhouette des Marabus wirklich wiedergeben. Und da die beiden sich ihm nicht nähern, ist’s dem weißen Marabu zufrieden.

Was „lernt“ uns das? Erstens: Traue keinen Fotos, erst recht keinen Bildern. Sie können die Wirklichkeit gar nicht abbilden. Zweitens: Traue nicht den Gedichten von Christian Morgenstern. Er könnte uns auch Un- als Sinn verkaufen wollen.

 

 

 

Ulrich H. Baselau für den "Wittmunder BilderBuchBär"en