Heinz Janisch & Helga Bansch:
Die Brücke

Wien: Jungbrunnen 2010

www.jungbrunnen.co.at

ISBN 978-3-7026-5819-9
28 Seiten * 13,90 € * ab 03 Jahre

 

 

 

 

Als ob es nicht viele Zeitpunkte gäbe, nein, der Riese von rechts und der Bär von links betreten gleichzeitig die enge und schwankende Hänge-Fußgängerbrücke hoch über dem Fluss. Ein Patt in der Mitte muss „irgendwie“ gelöst werden, denn nachgeben, umkehren und „das Gesicht verlieren“ will keiner der beiden. Eine Situation, die wir ähnlich oft in kleinen (oder auch größeren) Konflikten in der Schule finden.

Unentschieden in einer Sackgasse

Helga Bansch bringt Schwung in die Geschichte und fügt ein „ungewisses“ Element mit ein, einen Raben, schwarz mit blutrotem Untergefieder an Kopf und Hals. Den Schwung übernimmt gleich die Mutter mit ihren nach rechts wehenden Haaren, obwohl doch kein starker Wind zu wehen scheint. Die langsame Begleitung der Entwicklung übernimmt der Fesselballon, der zu Beginn im Hintergrund ganz links erkennbar ist, am Ende aber rechts außen auftaucht. Dazwischen sind die Berge, durch die der Fluss gleitet, und im Hintergrund noch kaum erkennbar, die bereits beschriebene Brücke. Wenn wir sie näher sehen, erkennen wir, wie gefährlich die Überquerung geworden ist, denn die Latten sind zum Teil zerborsten oder aus ihrer Halterung gerissen. Nun also auch noch die beiden, die sich in der Mitte treffen, von Helga Bansch dramatisch von oben aus der „Vogelperspektive“ gezeichnet, genau den kleinen Moment getroffen, als der Rabe mit dem blutroten Untergefieder sehr groß (wir befinden uns offensichtlich direkt über ihm) den gesamten rechten Bildteil einnimmt. Das verheißt Unheil. Bestimmt.

Ganz hervorragend gestaltet sie im folgenden die Doppelseiten, zeigt starke Hauptperson hier und zergliederte, also unsichere, dort. Dann wechselt den Standpunkt, gestaltet aber auch dann neu, überraschende Blicke. Bevor die Situation gelöst wird, sehen wir die Füße in Großaufnahme, der Rabe steht hinter dem Riesen und äugt ängstlich nach unten, obwohl er als Flieger doch am wenigsten Angst haben müsste.

Wie virtuos die Illustratorin Situationen zeichnen kann, stellt sie mit ihrem fünftgeteilter Doppelseite dar, auf der sie zeitversetzt vier Situationen platziert. Das muss einem erst einmal einfallen, von der ganz hervorragenden Durchführung noch mal abgesehen.

 

Heinz Janisch erzählt eine alltägliche Geschichte, immer wieder geraten zwei aufeinander, und keiner will nachgeben, niemand will sein Gesicht verlieren. Beide geraten offensichtlich in eine Sackgasse, aus der sie nicht mehr herauskommen. Nicht so unsere beiden Hauptpersonen. Ihnen gelingt die Lösung des Gordischen Knotens dadurch, dass sie beide zugleich Vertrauen fassen zu dem „Gegner“, der doch gar kein Feind ist, sondern einfach ein „Anderer“.

Eine gute Botschaft, die allerdings auch Zwei braucht, die bereit sind, sich auf „dünnes Eis“ zu begeben. Man möchte sofort Situationen der derzeitigen Weltpolitik bemühen: Irak, Israel, Palästina, Afghanistan, Darfur, Tibet. So große Probleme in einer kleinen Geschichte in einem wunderschönen Bilderbuch, über das noch viel mehr zu berichten wäre.

 

Ulrich H. Baselau für den "Wittmunder BilderBuchBär"en