Agnès de Lestrade & Valeria Docampo:
Die große Wörterfabrik

Aus dem Französischen von Anna Taube

München: Mixtvision 2010

www.mixtvision-verlag.de

ISBN 978-3-939435-26-6
36 Seiten * 13,90 € * ab 04 Jahre

 

 

 

 

Eine Geschichte der Extra-Klasse in einem ebensolchen Buch und ebensolchen Bildern: Wir befinden uns in einem Land, in dem die Menschen nicht sprechen können, es sei denn, sie haben die Wörter zuvor gekauft. Für arme Kinder wie Paul ist der Preis unerschwinglich. Er hat nur drei Wörter mit seinem Netz gefangen. Die will er Marie zum Geburtstag schenken: Kirsche. Staub. Stuhl.

Wörter kaufen

Wäre da nicht der kleine Paul mit seinem schmallippigen freundlich gebogenen Mund auf dem Titelbild, der große dunkle Schatten des Wörterturms, in dem der Titel in schmutzigem Weiß steht, machte uns Angst. Paul setzt die Gegenkraft. Solange wir diese klare Unschuld auf „der anderen Seite“ sehen, solange muss uns nicht bange sein.

Ein roter Einband, auf dem ausgeschnittene Buchstaben eine gezackte Linie fliegen. Ein graues Bild macht den „Schmutztitel“ wörtlich. Inmitten des Schmutzes steht ein Barockstuhl, hellgraue Fußabrücke zeigen, dass jemand zu diesem Stuhl ging, um ihn ein Herz in den Staub zeichnete und eine kleine Kirsche hineinlegte. Die ist rot.

Wäre das Buch hier beendet, man müsste sich nicht beklagen. Dies eine Bild erzählt bereits eine anrührende Geschichte, so wie einst Hemingway mit seiner 6-word-story.

 

Wir lernen das Land der großen Wörterfabrik kennen. Die geduckten Häuser mit den roten Dächern wird bestimmt durch einen Turm, der wohl nicht zufällig aussieht wie der von Pieter Breugel d. Ä. Hier deutet ein großes Zahnrad an, dass es sich um eine Fabrik handelt. Oben auf der Spitze entlässt ein mechanischer Mann aus einer „Flüstertüte“ Unmengen an schmutzig-schwarzen Buchstaben, die wie ein dreckiger Rauch aus einem hohen Schornstein über die Stadt zieht. Ein Ort der Unfreiheit. Ein Ort zum Fürchten. Die Menschen gehen geduckt mit eingezogenem Hals, beäugen sich gegenseitig misstrauisch oder gehen mit stolz erhobenem Haupt eilig, um die eingekauften Wörter nach Hause zu tragen. Die Werbeplakate bieten einzelne Wörter an, Sommerworte oder böse Wörter, Kosenamen, Grüße, Gutenachtwünsche. Wir sehen das erste Mal Marie, die unbedarft das Treiben auf der Straße beobachtet.

In der Folge nehmen wir teil am Leben der Armen, die auch schon mal im Müll nach Wörtern suchen oder mit den Schmetterlingsnetzen nach Wörtern fischen. Paul fängt bei dieser Gelegenheit gleich drei Wörter (Kirsche – Staub – Stuhl), die er dem Mädchen von nebenan schenken will.

Sie treffen sich auf der Treppe, und sie lächeln sich an. Ein „‘Hallo, wie geht’s?‘“ gibt es nicht, denn Paul hat diese Wörter nicht gekauft. Aber es gibt Oskar. Oskars Eltern sind reich, und Oskar steht hinter Marie und er spricht: „Ich liebe dich von ganzem Herzen, meine Marie. Eines Tages, das weiß ich, werden wir heiraten.“ Das sind viele Worte, und Paul hat nur drei: Kirsche, Staub, Stuhl. Aber Oskar sieht aus wie der Fabrikturm, und Paul hat dieses Lächeln, das auch Marie hat.

 

Die Idee der Geschichte reicht bereits aus, um sie zu einer guten zu machen. Dass noch eine ausgezeichnete Illustration dazu kommt, die diese Welt der Wortlosen in trister Umgebung – man wird an alte Stummfilme erinnert – eindringlich darstellt und ihr die Unschuld dieser beiden Kinder gegenüberstellt, ist ein echter Glücksfall. Hier die Sauberen, mit roter und weißer Kleidung, arm und schweigsam. Aber man passt sich nicht an, trotzt dieser Umgebung der Unfreiheit und besiegt sie mit einem Lächeln und einem sanft gehauchtem Kuss.

 

Eines der ganz großen Bilderbücher, das noch ganz lange in Erinnerung bleiben wird.

 

 

 

Ulrich H. Baselau für den "Wittmunder BilderBuchBär"en