Annette von Droste-Hülshoff & Reinhard Michl:
Der Knabe im Moor

Berlin: Kindermann 2010

www.kindermannverlag.de

ISBN 978-3-934029-37-8
32 Seiten * 14,50 € * ab 05 Jahre

 

 

 

 

Die Ballade von Droste-Hülshoff berichtet von einem Jungen, der den Weg durchs Moor zur Schule läuft. In sehr bildhafter Sprache öffnet sie das Geheimnisvolle um diese Landschaft, die wir immer mit Geistern und vor allem mit dem Tod und „verdammten Seelen“ in Verbindung bringen. Die Bilder nehmen den Ton nicht nur auf, sie verstärken ihn – ohne dass die Angst auf die jungen Leser übergeht.

Verloren

Schon immer hat das Moor, der Nebel, der aus knorrigen Weiden und abgestorbenen Baumstümpfen unheimliche Wesen zaubert, die Gefahr des Versinkens und die Abwesenheit von (anderen) Menschen unsere Fantasie beflügelt. „O schaurig ist’s übers Moor zu gehen“ beginnt die Ballade mit den sechs Strophen, die die Stimmung des Jungen einfangen, der den Weg durchs Moor wählt, um zur Schule zu kommen, wo er lesen lernen wird. Sehr gut können wir uns in das Kind hinein versetzten, wie die Angst ihn zum Laufen bringt, trotz des unsicheren Weges, wo „unter jedem Tritte ein Quellchen springt“. Der Ruf der Eule wird zum Wehklageruf, der Gräberknecht ist nicht weit und der diebische Fiedler, der bei einer Hochzeit aufspielte, den Hochzeitsteller stahl und wohl auf der Flucht im Moor versank wie es die „verdammte Margret“ wohl ebenso ereilte.

 

Diese sehr dichte Ballade, die mit unseren Ängsten spielt und immer noch einen Vergleich aus der Fantasie entnimmt, hat Reinhard Michl entsprechend umgesetzt. Den knorrigen Bäumen sieht man die Gesichter an, dicke Nasen, aufgerissene Münder, tückisch blickende Augen und kahle Äste als wirren Kopfschmuck. Die Bäume sind kahl und schwarz, das Moorgras steht meterhoch, kein Windhauch kräuselt die Wassertümpel. Fledermäuse verweisen auf die Tageszeit der Dämmerung, in die die schwarzen Raben oder Krähen rufen. Eine Eule kauert auf einem Ast, eine andere in einem Weidenbaumloch, starren und warten. Und als die Ballade erwarten lässt, dass dem Knaben sicher ein Unglück widerfahren wird, zeichnet Michl Schmetterlinge in die Bilder, diese Todesboten, die es im Moor schwer haben dürften, an Futter zu kommen.

 

So eindringlich die Sprache ist und uns auch ohne die Illustrationen Bilder in uns hervorruft, so ist es doch die Sprache einer (sehr) gebildeten Frau in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Viele Wörter dürften uns heute nicht mehr geläufig sein (Heiderauch; Röhricht; eine Ranke, die am Strauche häkelt; die Fibel; der Hag; die Haspel), viele Anspielungen auf Personen oder Handlungen sind wohl auch damals nicht allen Lesern bekannt gewesen. Das ist auch gar nicht schlimm, denn mit ihren wenigen Andeutungen vermeinen wir sofort Schicksale aufzunehmen: der (auch noch: gespenstische) Gräberknecht und sein Meister, ein Geiger, der bei Hochzeiten aufspielte und den „Hochzeitheller“, das Brautgeschenk also, stahl und die verdammte Margret, was immer sie getan haben mag, dass ihre Seele im Moor herumirren muss.

 

Es wäre sicher sehr schade, wenn diese Ballade in Vergessenheit geriete, und wenn sie auch noch so hervorragend illustriert und in liebevoller Aufmachung daherkommt, dann wird sie bestimmt noch lange „Allgemeingut“ bleiben.

 

 

 

Ulrich H. Baselau für den "Wittmunder BilderBuchBär"en