Nicolas Wachter & Peter Engel:
Walpurgisnacht – ein lyrisches Hexenwerk

Regensburg: Edition Buntehunde 2010

www.editionbuntehunde.de

ISBN 978-3-934941-61-8
32 Seiten * 19,80 € * ab 12 Jahre

 

 

 

 

Hui - da ist Schwung in den Bildern! Aus wilden Aquarellflächen wird mit Hilfe von schwarzen Krakeluren das treue Pferd Schattenwind, das den alten Grafen Grauenfels zu seiner Geliebten bringt, denn heute ist der letzte Tag im April, Walpurgisnacht. Doch aufgepasst, der erste Morgenstrahl kommt früher als gedacht und die Liebe lässt zögern. Wunderbar gruselige Bilder!

Hexe

Gertrude Degenhardt, Horst Janssen, Tim Burton, Richard Engel. Mit scheinbar leichter Hand gekritzelt wird die Farbe zu gruseligen Gestalten, schiebt eine Hand die Grabplatte fort, an der sich die Fingerglieder lösen, stehen die Beinknochen vielfach gebrochen und wieder zusammen gewachsen, rast das Pferd in windschnellem Flug und folgen im Sog Köpfe, Arme, Körper, fliegen Raben vor dem Pulk der Hexen auf ihren Besen, mutiert die Hauptperson nach erfolgreichem Zauberspruch zum jungen Mann von einst, als er den Golem erschuf, der ihn durchlässt in das Schloss der Baronin Düsterstein, der er mehrfach seine Liebe gestand.

Wie neugeboren fühlt sich der Graf als er ihr endlich gegenübersteht, die beiden verschmelzen und die „bleiche Gesellschaft“ den Wein und die Canapés stehen lässt, um den beiden im Reigen zu folgen, sich auflöst zu einer Masse, in der die schwarzen Pupillen in den weißen Augen verzückt nach oben blicken. Fast hätten sie die Zeit vergessen, diesen verhassten Glockenschlag, der sie wieder für ein Jahr in die kalten und nassen Gräber ruft. Einen Moment zu lang bleiben die Liebenden, die „brennend heiße Morgenglut“ erreicht Schattenwind, löst ihn auf in Feuer und ebenso – fast seinen Herrn, den Grafen Grauenfels. Doch ihn erwartet ein anderes Schicksal.

 

Im Balladenstil erzählt und reimt Nicolas Wachter die Geschichte, 55 meist vierzeilige Strophen lang, einige zusätzlich mit Binnenreim. Einige Schlüsselwörter zu Beginn oder am Ende werden durch ihre Größe herausgehoben: „Gierig“, „Plötzlich“, „Dunkle“, „Blitzschnell“, „Doch“, „Langsam“. Da es sich nicht um ein klassisches Bilderbuch für den drei- bis sechsjährigen ‚Leser‘ handelt, sondern der Bildbetrachter selbst liest, sind diese Gestaltungen sinnvoll, ziehen sie doch das lesende Auge auf sich, verstärken das Unheimliche der Geschichte: „Qual“ und „Morgenrot“, konkurrieren „Hexen“ und „Bleiche Diener“ mit Wesen, in deren Kopf ein Nagel getrieben ist, deren weiße spitze Zähne herausleuchten aus einem grauen Gesicht, deren blindes Auge aufgerissen diabolisch leuchtet, deren nackter Schädel die Stelle zeigt, an der wahrscheinlich ein Knüppel ein Loch schlug.

 

Die Geschichte wie die Bilder sind in der Tat „speziell“ und „nichts für schwache Nerven“. Wer allerdings gern mit schwarzem Humor spielt und auch ab und zu einem Spaziergang auf dem Friedhof nicht abgeneigt ist, wer selbst gern Figuren auf dem Block neben dem Telefon erschafft, für den ist das Buch eine Quelle der Freude – auch wenn das Ende sehr plötzlich kommt und der Geschichte eine unvorhersehbare Wendung gibt.

 

 

 

Ulrich H. Baselau für den "Wittmunder BilderBuchBär"en