André Hodeir & Tomi Ungerer:
Warwick und die 3 Flaschen

Aus dem Amerikanischen von Anna von Cramer-Klett

Zürich: Diogenes 2010

www.digoenes.ch

ISBN 978-3-257-00514-1
32 Seiten * 16,90 € * ab 06 Jahre

 

 

 

 

Eine Fabel über einen lang ersehnten Besucher, dessen Wünsche man nach seiner tatsächlichen Ankunft so gut es geht erfüllt. Er aber stellt sich als richtiger Stieselkopf heraus, dem gar nichts an seinen Verwandten liegt, sehr viel aber an seinem eigenen Egoismus. Ungerer zeichnet die Heimat-Krokodile als sehr angepasst in der Welt der anderen Tiere, Vetter Warwick aber als hinterhältiges Ekel.

Fisch und Besucher

Beowulf und Cromwell, zwei Namen aus der Welt der Heldensagen bzw. der britischen Geschichte, sind zwei Krokodile, die zufrieden und glücklich in ihrer Welt leben, in der sie sich mit den anderen Tieren vor allem bezüglich des „Futters“ arrangiert haben: Man isst „passierte Gemüsesuppe“ oder wird zum Beispiel vom Zahnarzt nicht mehr behandelt. Ganz befreit von der Sorge, gefressen zu werden, sind Postbote und Taxi-Schwan. Ein Leben ohne Sorgen, aber auch ein Leben in Langeweile. Man kennt alle Geschichten, es kommt schon lange keine Post, auch nicht von Vetter Warwick aus Schottland, der im Lauf der Zeit immer mehr idealisiert wird. Ja, der kennt Geschichten! Und wenn er kommt, bringt er bestimmt schottische Brühe mit, und das „ist die beste Brühe der Welt“.

Und dann wird er tatsächlich angekündigt: Warwick kommt! Und vom ersten Moment an, erweist er sich als richtiges Ekel, hat hinterlistige Augen und ein geiferndes Maul. Seine mitgebrachten drei Flaschen schottische Suppe wird er selbst heimlich verzehren. Er kümmert sich überhaupt nicht um seine Gastgeber, von denen er erwartet, dass sie selbstverständlich all seine Wünsche erfüllen. Die beiden sind zunächst unsicher und geben ihr Bestes, aber nichts ist Warwick gut genug. Er ruiniert sogar nachhaltig den Ruf seiner Vettern. Erst seine Gier stoppt ihn, und er kann von Glück sprechen, dass er überhaupt gerettet wird vor einem elendigen Tod durch Ersticken.

Die Geschichte wie die Bilder haben auch 43 Jahre nach der Erstausgabe 1967 nichts an Aktualität und Moral eingebüßt. Keine Spur von „Altertümlichkeit“ oder Muffigkeit. Das macht richtig gute Bilderbücher eben aus: Sie verlieren nicht mit der Zeit.

Ungerer zeichnet die vermenschlichten Tiere so, dass sie nicht verkleidet wirken, auch wenn man sich an Krokodile mit Schlafrock und Brille oder mit Pfeife, Fliege, Hosenträger und flachem Strohhut im Clubsessel unter dem Sonnenschirm kurz gewöhnen muss. Der Wiedererkennungswert von Ungerers Bildern ist – trotz aller Nachahmungen – unverändert groß. Die Flächen sind schwarz umrandet und je einfarbig, mit schwarzen Flecken wird Lichteinfall in das Bild simuliert (auch wenn Ungerer hier etwas „unsauber“ arbeitet). Komplementärfarben werden bevorzugt, manchmal aber auch Grün gegen Blau gesetzt – 1967 eine kleine Farbsünde.

Daneben kann Ungerer es nicht lassen, kleine Hinweise zu geben, die einigen Erwachsenen etwas Futter geben: der Postillion trägt das deutsche Posthorn auf der Mütze und die Uniform der Lützower Jäger, die bekanntlich die Farben schwarz-rot-gold nach Deutschland brachten, das letzte Bild ist eine Hommage an das amerikanische Ehepaar vor ihrer Scheune (Grant Wood, American Gothic) aber auch an den umgestoßenen Kelch des Abendmahls von da Vinci, während die Linkssteuerung des Autos und das Muster des Schwanentaxis den Handlungsort nach Großbritannien legt.

 

Wenn nicht alles täuscht, dann ist die Geschichte in dieser Aufmachung auch in weiteren 50 Jahren noch aktuell. Mit Recht.

 

 

 

Ulrich H. Baselau für den "Wittmunder BilderBuchBär"en