Lilli L‘Arronge:
Chaos in Bad Berleburg

Berlin: Jacoby & Stuart 2010

www.jacobystuart.de

ISBN 978-3-941087-76-7
28 Seiten * 12,95 € * ab 03 Jahre

 

 

 

 

 

Ein sehr witziges Buch, das damit spielt, was alles nach einer unbedachten einfachen Tat folgen könnte. Hubert wirft achtlos seine Bananenschale weg, obwohl doch jeder weiß, dass man darauf ausrutschen kann. Dass allerdings Stück um Stück das totale Chaos entstehen könnte, zeigt ihm – und uns – Lilli L‘Arronge in sehr witzigen Bildern.

Alles Banane

Wäre es ein Film, so würde man davon sprechen, dass die Kamera die Situation immer weiter „aufzieht“ bis zum Schluss die Totale zeigt, dass wirklich alles in Unordnung geraten ist. Doch noch ist es nicht so weit. Wir haben den kleinen Hubert und ein etwas älteres Mädchen, vielleicht seine Schwester. Hubert hat gerade seine Bananenschale weggeworfen. „Das kannst du doch nicht machen!“ ruft sie ihm aufgeregt zu. Und während sie weiter spricht, stellt sich Hubert vor, was daraus wird auf dem Platz in Bad Berleburg. Wir können das mit verfolgen, denn wir sehen seine Vorstellungen in einer Denkblase. Zunächst also Zoom auf ein schräges Bein, der Fuß wird gleich auf dem Boden aufsetzen. Aber genau dort liegt eine Bananenschale. Die Kamera zoomt auf, ein Mann liegt in der Luft, offensichtlich eben dort auf der Bananenschale ausgerutscht. Die Schale selbst fliegt wie ein fünfbeiniger Wurfstern in Richtung einer älteren Frau, die von rechts ins Bild kommt. Die Situation ist so schnell und neu, dass sie noch gar keine Reaktion zeigt. Die wird wohl im nächsten Bild kommen. Und in der Tat, die Bananenschale legt sich um ihr Gesicht, sie lässt die Tasche fallen um eine – selbstverständlich inzwischen viel zu späte – Abwehrhaltung einzunehmen. Wir sehen aber sowohl links von ihr (alte Handlung wird weitergeführt) als auch rechts von ihr (neue Handlung wird vorbereitet), wie es wohl weiter gehen wird.

In der Tat gibt es immer mehr Zentren, und damit werden auch immer mehr zukünftige Handlungen angedeutet. Wir kommen nicht mehr nach, alles zugleich einzufangen. Ein guter Grund, beim zweiten Anschauen nur einen Handlungsstrang zu verfolgen, beim dritten einen anderen usw. Dabei kreuzen sich einige, andere verlaufen wie ein Strahl, der von der ersten oder einer Folgeaktion ausgeht.

Dass der Autorin und zugleich Illustratorin der Schalk im Nacken sitzt, sehen wir in der allerletzten Totalen, in der die ganze Aufregung, das ganze Chaos in Bad Berleburg zurück auf den Anfang gesetzt wird. Wir wissen, dass die Bananenschale nicht mehr aufgehoben werden kann und können die anderen nur bedauern, dass sie so ahnungslos in das Chaos hineinschlittern werden.

Einen zweiten und dritten Grund erkennen wir im Vor- und Nachsatz. Zunächst wird, fast wie im Sachbuch, der Weg vom Pflanzen eines Bananenbaums der Weg bis zu Hubert verfolgt – als hätte die folgende eine nachvollziehbare Vorgeschichte: Hätte man damals nicht diesen Baum gepflanzt, diese Ernte stattgefunden, das Schiff die Banane nicht transportiert …, dann hätte Hubert auch nicht … Im Nachspann stellt sich die Lilli L’Arronge selbst zur Disposition. Gegen Äpfel ist sie leider zurzeit allergisch … Dabei zitiert sie nicht nur sich, sondern auch die Schlange vom „Kleinen Prinz“, die ja bekanntlich einen Elefanten verspeiste. Hier ist es eins der Schweine, das die Autorin liebt und – wahrscheinlich deshalb – dafür sorgte, dass im Chaosbild die Tiere der Schlachterei entkommen.

Ein sehr witziges Buch, das man nicht nur mehrfach anschauen darf, sondern muss, das man nicht nur anschauen muss, sondern auch darüber sprechen. Und eine Moral gibt es auch noch.

 

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Ulrich H. Baselau für den "Wittmunder BilderBuchBär"en