Frank & Devin Asch:
Mrs. Marlowes Mäuse

Aus dem Englischen von Nicola T. Stuart

Berlin: Jacoby & Stuart 2010

www.jacobystuart.de

ISBN 978-3-941087-04-0
32 Seiten * 12,95 € * ab 06 Jahre

 

 

 

 

 

Die GeStaPo, die „Geheime Staatspolizei“ im nationalsozialistischen Deutschland, kam im frühen Morgengrauen, in einer Zeit des Unbedachtseins. Hier kommt sie am frühen Abend, und es ist auch gar nicht die GeStaPo, sondern die Katzenpolizei auf der Suche nach versteckten Mäusen: „Mrs. Marlowe nahm den scharfen Geruch wahr, der von den gewichsten Lederstiefeln ausging.“

NS

Eine beeindruckende Technik, die Devin Asch, der Sohn des Erzählers, anwendet: eine Mischung aus Foto und Überarbeitung, wobei nicht genau gesagt werden kann, worin diese Überarbeitung liegt. Alle Bilder sind auf Doppelseiten abgebildet und lassen einen wohlunterschiedenen, nicht rechtwinkligen Bereich für den Text.

Wir befinden uns in einer gutbürgerlichen Welt der 1930er bis 40er Zeit, wie man aus den Fahrzeugen und den Bauten schließen kann. Mrs. Marlowe trägt Perlenkette und graues Kostüm, ist angestellt in der Schnurreschen Bücherei und lebt ansonsten sehr zurückgezogen. Zu zurückgezogen findet ihre Nachbarin, die sie nun schon wieder zu Thunfischkeks und Tee einlädt und sich beklagt, dass sie selbst noch niemals von Mrs. Marlowe eingeladen wurde.

Wir erfahren sogleich, warum das bestimmt nicht passieren wird, denn die „langweilige“ Mrs. Marlowe umgibt ein Geheimnis. Sie verbirgt nicht nur eine Maus, sondern gleich eine ganze Sippe, versorgt diese mit Essen und Kleidung, strickt für einzelne eine Mütze oder einen Pullover.

Wir erfahren nicht, warum das offensichtlich verboten ist, wir sehen nur im Hintergrund aus dem Fenster, dass die Wohnung beobachtet wird. Und dann sind sie da, die beiden Polizisten. Den Chef könnte man als „scharfer Hund“ bezeichnen, der andere ist eher ein bisschen trottelig und würde sich vielleicht gern auf ein Leben-und-Leben-lassen einlassen, aber sein Chef pfeift ihn mehrmals zurück. Und dann kommt, die beiden sind schon fast wieder weg, die Katastrophe. Die Maus Billy kann sich nicht mehr halten in seinem Versteck halten, wird erkannt und Mrs. Marlowe muss ihn fressen, um nicht das ganze Projekt zu gefährden.

Dass es denn doch nicht so dramatisch wird, erwünschen wir uns – und genau so ist es auch, aber man muss hier auch nicht alles verraten.

Der bewegenden Geschichte fehlt die Vorzeit, fehlt die Darstellung der derzeitigen Gesellschaft, es fehlt die Begründung, warum Mrs. Marlowe einer Mäusesippe ein verstecktes Zuhause gibt. Und doch ist sie unglaublich stimmig und wir können eine Reihe von Gesellschaften aus der Vergangenheit – und leider auch aus der Gegenwart – nennen, in der diese Geschichte in der Realität, natürlich mit Menschen, stattfinden könnte.

Den Deutschen fällt es nach den Erfahrungen mit dem Nationalsozialismus leicht, sich in die Situation hineinzudenken. Kindern, die dieses Buch anschauten, denen es vorgelesen wurde, die es sich selbst erlasen, all diesen Kindern wird es leicht fallen, sich in die Welt des Nationalsozialismus zurückzuversetzen – obwohl nicht ein einziges Wort fällt, das außerhalb der Katze und Maus Geschichte gesprochen oder bebildert wird.

 

Hut ab.

 

 

Ulrich H. Baselau für den "Wittmunder BilderBuchBär"en