Hanna Johansen:
Wenn ich ein Vöglein wär

mit Bildern von Hildegard Müller

München: Hanser 2010

www.hanser.de

ISBN 978-3-446-23471-0
96 Seiten * 12,90 € * ab 05 Jahre

 

 

 

 

 

Eine traumhaft schöne Mischung von Poesie, Sach- und Bilderbuch: Mario ist Amsel, und sein Jahr ist gefüllt mit Pflichten und Gesang. Doch dieses Jahr lernt er ein neues Lied kennen und am Ende auch singen – und wir lernen das Jahr einer Amselfamilie kennen, ganz nebenbei und sehr angenehm.

Leben, Nachkommen, Poesie

Puh, ist das kalt! Wie ein kleiner schwarzer Ball sieht die Amsel aus. Wäre da nicht der gelbe Schnabel, auch der fast im Gefieder versteckt, und die winzigen runden Augen, man würde den Vogel nicht als solchen erkennen. Dass das schützenswerte Wesen Mario heißt, wissen wir von Nana, die im Haus direkt an Marios Garten wohnt, und die dieses Jahr Blockflöte lernt. „Wenn ich ein Vöglein wär“, kann sie schon spielen. Und damit beeindruckt sie unseren Amselhahn, dass er in seiner „Freizeit“ nichts anderes macht, als diese Melodie zu üben.

Dazwischen aber heißt es, die Frau in der Kinderzucht zu unterstützen. Das erste Nest wird von der Elster leer gefressen, die fünf im neuen Nest überstehen auch die flügge erste Bodenzeit, da gibt es schon wieder ein neues Nest und nach vierzehn Tagen noch einmal sechs hungrige Schnäbel. Da müssen die fünf Älteren langsam entwöhnt werden. Noch schnell ein paar Regeln mit auf den Weg gegeben (Achtet auf die Katze – und den Bussard, die Elster …), die Warnung vor dem Milan hören sie schon nicht mehr.

In jeder freien Sekunde aber übt er dieses Lied. Ganz lieb berichtet Johansen vom Verhältnis zwischen den Ehepartnern, dass er einen kleinen Seitensprung wagt (der nicht gelingt), sie ihn vor der Katze rettet, selbstverständlich zwei Gelege, vielleicht sogar drei durchbringen wollen, sie ihn in seinem Gesangsbemühen unterstützt, ihn lobt, auch wenn er selbst noch gar nicht zufrieden ist. So wünschen wir uns auch unsere eigenen Eltern.

 

Die Schrift ist zunächst blassgelb, eine Erinnerung an die Zeit, als die Blüten noch die ersten Insekten anlockten, eine Erinnerung an die Strahlen der Sonne, die sich nun immer nur sehr kurz zeigte – wenn überhaupt. Mit einem Märzentag übernehmen die Flächen der Zeichnungen die gelbe Farbe, jedoch mit deutlich mehr rötlichem Anteil, und die Schrift wird dunkel. Die hervorragenden Beobachtungen von Hildegard Müller fließen bei ihr offensichtlich vom Auge sofort in die Hand. Kleinigkeiten nur, aber alle Emotionen der Amsel werden durch ihre Haltungen direkt deutlich. Vom Vertreiben des Nebenbuhlers bis zum Herzklopfen nach überstandenem Katzenangriff, von der nicht unberechtigten Eifersucht (sie macht ihrem Mann übrigens danach nicht mal eine Szene, es scheint selbstverständlich zu sein, dass er „eine Gelegenheit“ nutzen will und wird) bis zum Beäugen des Regenwurms, der das Getrampel für Regentropfen hielt und nun seinen letzten Blick aus seiner Erdhöhle macht.

 

Sowohl Text als auch Bilder zeugen von der Liebe und auch Ehrfurcht vor dem kleinen Leben, dass in unserer unmittelbaren Umgebung stattfindet, und das wir von nun an anders sehen werden. Nana vielleicht nicht, denn die sagt zu Marios Riesenleistung, das Lied nach einem ganzen Sommer endlich singen zu können: „Das kann ich auch.“

 

 

 

Ulrich H. Baselau für den "Wittmunder BilderBuchBär"en