Bart Moeyaert:
Du bist da, du bist fort

aus dem Niederländischen von Mirjam Pressler

mit Bildern von Rotraut Susanne Berner

München: Hanser 2010

www.hanser.de

ISBN 978-3-446-23469-7
108 S * 9,90 € * ab 05 J (vorlesen)

 

 

 

 

Drei Geschichten – und in jede wirst du hineingezogen, musst nicht nur mit den Augen, sondern vor allem mit dem Kopf und dem Bauch des erzählenden Kindes fühlen, leiden, fordern, lieben und trauern. Das ist alles nicht ganz einfach, so wie es das Leben ja auch nicht ist. Aber das ist alles auch nicht ganz traurig, denn wer so intensiv fühlt, kommt auch aus Löchern wieder heraus. Drei wunderbare Vorlesegeschichten.

Sich selbst suchen

Die drei je ca. 30 Seiten langen Geschichten werden äußerlich kaum unterschieden. Man stutzt beim Erstlesen, sucht noch die Verbindung zur Vorgeschichte, ist dann aber ganz schnell auch in der zweiten Geschichte. Und auch dort möchte man wenn schon nicht damals selbst als Kind, so doch jetzt als erwachsener Vorleser so ehrlich und tief sein, wie die Kinder, die von sich erzählen.

Das machen sie völlig unprätentiös und so direkt, dass es uns so weh tut wie dem Kind. In der ersten Geschichte ist es Nanne, die zunächst nicht die richtigen Wort findet, obwohl sie doch die anscheinend traurige Frau vor ihr trösten will. Am Ende ist es umgekehrt. „Weinen hat keinen Sinn“ und Leidtun ist ebenso nicht genug wie gut nicht gut genug ist. Nanne weint trotzdem, wenn auch grundlos, denn ihre Schwester ist eben nicht gestorben wie Tasja Mei, die jetzt im Kopf ihrer Mutter weiter leben muss, als Idee sozusagen, auch wenn ihr Körper auf dem schneebedeckten Friedhof liegt, auf immer acht Jahre alt, so wie es Nanne selbst war, als Tasja ertrank.

In der zweiten Geschichte dreht es sich um eine Familie mit zwei Töchtern. Der Vater trinkt und wird dann immer sehr laut, aber als „es passiert“, er nämlich nicht mehr da ist (wir erfahren nicht, ob er zwangsweise oder freiwillig eine Entziehung macht), muss Luise erst einmal nachdenken gehen. Das verstehen die Mutter und auch die Schwester, nicht aber die Freundin, denn die soll von der neuen Situation nichts wissen, damit ihr Problem nicht zum Tratsch-Thema wird. So kreuzen sich völlig widerstrebende Themen wie Liebe und erste Treffen mit Verlustängsten, Freundschaft mit dem Wunsch nach einsamem Nachdenken.

Eine wunderbare Übersetzung von Mirjam Pressler, der solche Formulierungen wie „Ihr Kopf ist dunkel von innen“ oder „Sie hopst den Gedanken an Papa weg“ und die den Grundton der Geschichten von Moeyaert hervorragend trifft. Die Illustrationen von Rotraut Susanne Berner leiten jedes (Unter-) Kapitel ein, Das können Nanne und „Neuling der kleinste“ sein, das Kind auf der Wand, eine Sackgasse mit eng stehenden kleinen Häusern und glatten roten Dächern.

Geschichten, die man immer wieder vorlesen mag und aus denen man gestärkt hervorgehen wird, wenn auch nicht „gefeit“. Gefühle lassen sich nicht dirigieren.

 

 

 

Ulrich H. Baselau für den "Wittmunder BilderBuchBär"en