Friedrich Schiller & Dieter Wiesmöller:
Der Taucher

Hamburg: Carlsen 2010

www.carlsen.de

ISBN 978-3-551-51716-6
36 Seiten * 19,90 € * ab 06 Jahre

 

 

 

 

 

Dem Text der bekannten Ballade von Schiller folgt die bildliche Interpretation des Inhalts. Wiesmöller führt uns in die Zeit der Wikinger und Germanen, an eine schwindelerregend hohe Klippe und ein aufgewühltes Meer. Der Kelch glänzt wie der Gral, das Gefolge steht gedrängt und mit Abstand zum König. Hoffentlich soll nicht ich dem Willen des Königs folgen. Aufregend und aufwühlend.

Hochmut

27 Strophen zu je sechs Versen, je streng gereimt im gleichen Schema – eine Ballade voller Kraft und Spannung, zu Recht immer und immer wieder hervor geholt und neu interpretiert. Die gesamte Ballade wird zu Beginn vorweg auf sieben Seiten abgedruckt. Wir lesen und wecken in uns Bilder, wenn Schiller zweimal das Meer unterhalb der Klippe beschreibt: „Und es wallet und siedet und braust und zischt, / Wie wenn Wasser mit Feuer sich mengt, …“ Vom dritten Element stürzt sich der Knappe durch das vierte hinunter, kehrt gegen alle Kräfte zurück und weiß um diese Unwahrscheinlichkeit, sagt selbst, dass der Mensch die Götter nicht versuchen soll. Und doch, gegen alle Vernunft, lässt er sich blenden von der Aussicht auf die Hand der Prinzessin. Kein Wasser bringt ihn ein weiteres Mal zurück.

Wiesmöller nutzt das große Format des Buches. Seine blauen Farben erlauben ein wenig Grün und viel Weiß. Da gibt es fast keine Unterschiede zwischen Himmel und Wasser, zwischen Wolke und Gischt. Und in die Weite hinein zeichnet er, kaum sichtbar, einen kleinen Körper, der mit ausgebreiteten Armen und mit dem Kopf voraus von der hohen Klippe viele Meter in die Tiefe stürzt. Noch zuvor hat ihn die Gruppe, ein jeder Einzelner froh, dass er selbst nicht betroffen ist, belächelt. Wiesmöller teilt hier die Gruppe asymmetrisch, um dem Knappen (Knaben) einen tiefen Horizont zu geben, vor dem sein brauner Umhang fast wie eine urzeitliche Keule erscheint. Archaisch, die Kräfte der Götter nicht fürchtend und dem scharfen Wind trotzend schaut er in die Ferne, genau auf uns! Sollen wir ihn aufhalten? Macht er uns Vorwürfe? Oder schaut er durch uns hindurch, weil er sich um Zuschauer nicht kümmert, sie nicht wahrnimmt in dieser existenziellen Situation?

Ganz schnell kommen wir in einen Interpretationsversuch der Bilder, so wie wir den Text auch nicht einfach lesen und „zur Tagesordnung übergehen“ können. Ein ganz aufregendes vorletztes Bild gelingt: Wir sehen aus der Vogelperspektive die grüne Klippe, die sich weit über den Abgrund wölbt, tief unten das aufgewühlte, gischtige Meer. Drei Menschen in je völlig anderer Bewegung und Beweggrund: König, Prinzessin und Knappe. Das lässt uns lange nicht los.

 

Ein wunderbares Buch, um Deutsch- und Kunstunterricht zu einem gemeinsamen Projekt zu vereinen.

 

 

 

 

Ulrich H. Baselau für den "Wittmunder BilderBuchBär"en