Kathrin Schärer:
Johanna im Zug

Zürich: Atlantis bei Orell Füssli 2010

www.atlantis-verlag.ch

ISBN 978-3-7152-0582-3
32 Seiten * 13,90 € * ab 03 Jahre

 

 

 

 

Eine Illustratorin erfindet eine Figur, die bald darauf mit ihr in ein Zwiegespräch gerät. Hier spielt jemand sehr gekonnt mit verschiedenen Realitäten, hier werden Zeichnungen lebendig, obwohl sie noch gar nicht fertig sind. Mit scheinbar leichter Hand spielt Kathrin Schärer mit uns, mit ihren Figuren und der Entwicklung von gleich mehreren Geschichten.

 Spiegel

Der Arbeitstisch einer Person, die malt, zeichnet, illustriert. Für ein großes Blatt Papier wurden die Arbeitsgeräte und Farben zur Seite geräumt. Wir blicken mit den Augen der Person auf ihre Hände, in der rechten Hand ein gespitzter Bleistift.
Das ist das Bild des Vorsatzes, das im Schmutztitel noch einmal aufgenommen wird, diesmal ist allerdings das Blatt gefüllt mit Text und einem E-Zug. Auf einem karierten Notizzettel ein kurzer Text, der uns eine Geschichte verspricht.

Eine wunderbare Idee von Kathrin Schärer, uns an der Entstehung des Buches im Buch teilnehmen zu lassen, und gleichzeitig der Geschichte selbst immer mehr Eigenleben zu verleihen, sodass die erfundenen Tiere sogar mit ihr kommunizieren können und Einzelheiten der Geschichte korrigieren. Es helfen außerdem halbierte Seiten, nachdem die Illustratorin selbst ihre Doppelseite des Querformats noch längs unterteilte. Im Fernsehen heißt das „Split Screen“.

Die Geschichte handelt von Tieren, genauer gesagt, von Tieren in einem Zug, besonders aber von einem Schwein: „Armes Schwein / sitzt ganz allein / im Zug nach kein - / keine Ahnung wohin“. Und da meldet sich das Schwein als eingeschobenes Bild (PiP = Picture in Picture) das erste Mal zu Wort und bemängelt erstens, dass die Zeichnerin keine Ahnung vom Zielort hat und auch, was noch schlimmer ist, das Schweine nicht rosa sein dürfen – es sei denn, es wären „Glücksschweine“.

Wir nehmen die Situation sehr schnell für „Wirklichkeit“, vermischen ebenso alle Realitätsebenen und finden es ebenso gemein, dass die Autorin und Illustratorin auf die Vorhaltung „Ich sitze allein im Abteil.“ unserem Schwein erst einen wilden Wolf und danach sogar einen Drachen hineinzeichnet. Auf anderer Ebene finden wir es natürlich sehr toll, dass sie sich selbst zur Disposition stellt in ihrer Geschichte und mit uns, dem Tier und den verschiedenen „Wirklichkeiten“ spielt.

Ihren Schalk im Nacken wollen wir mal irgendwann sehen.

 

Wir kennen ähnliche Ausgangsituationen aus Film und aus Literatur: Dem gefeierten Autor fällt nichts mehr ein. Also fällt ihm ein, die Geschichte, dass einem Autor nichts einfällt, als Thema zu verarbeiten. Das ist hier absolut überhaupt nicht, denn Kathrin Schärer hat nicht nur eine Geschichte zu erzählen, sie erzählt ganz wunderbar sogar mehrere zugleich. Und, wie wir unten gleich schreiben werden, zum Schluss auch noch – wenigstens den Beginn – einer neuen.

Im Nachsatz wird das allererste Bild noch einmal aufgegriffen. Die Bücher von Dürrenmatt, Frisch und Mercier (?) sind nicht mehr da, stattdessen liegt auf der anderen Seite ein Buch, nämlich das hier vorliegende, und auf dem gelben Blatt ist schon die nächste Geschichte angedeutet: „Ein Schiff fährt den Fluss runter./ … / In der Kajüte sitzt ein … / Aber das ist eine andere Geschichte.“

Wir freuen uns schon drauf.

 

 

 

Ulrich H. Baselau für den "Wittmunder BilderBuchBär"en