Anke Dörrzapf & Claudia Lieb:
Die wunderbaren Reisen des Marco Polo

Hildesheim: Gerstenberg 2009

www.gerstenberg-verlag.de

ISBN 978-3-8369-5256-9
112 Seiten * 22,90 € * ab 12 Jahre

 

 

 

 

Den Reisebericht von Marco Polo in das ferne und unbekannte Land ganz weit im Osten umgibt seit je der Hauch auch der Erfindung. Dennoch eröffnet er uns die Sicht der Menschen im ausgehenden Mittelalter und erklärt, warum mit der Zeit der Entdecker (und der folgenden, der Eroberer) die Neuzeit eingeleitet wurde. Eine gute Erzählung, die weit über den bloßen Handelsbericht hinausgeht.

Khan, Seide, Edelsteine

Die Rahmenhandlung berichtet von der Entstehung des Buches: Rustichello da Pisa besucht den inzwischen über vierzigjährigen Marco Polo im Gefängnis, wo er nach der Niederlage der Schiffe Venedigs gegen die der Genueser einsitzt. Wir haben das Jahr 1298, und Marco Polo berichtet, wie er mit 15 Jahren das erste Mal seinen Vater Niccolò sah, der zusammen mit seinem Bruder Matteo bis vor den Thron des damals mächtigsten Mannes der Welt kam: Kublai Khan. Die beiden Brüder sind Kaufleute, und die verdienen viel Geld, wenn sie Zwischenhändler möglichst ausschließen. Das bedeutet natürlich auch Gefahr. Die Zeiten sind unsicher, überall gibt es Kriege, überall treiben Piraten ihr Unwesen. Als Vater mit Bruder und Sohn erneut zum Kublai Khan aufbrechen, fahren die Schiffe zunächst in großen Konvois („muda“), die sich in der südlichen Adria trennen: Apulien, Ägypten, Marokko oder Griechenland in Richtung Israel.

In langen Wartezeiten haben die beiden älteren Kaufleute fremde Sprachen gelernt. Die kommen den Reisenden natürlich zunutze. In jeder Herberge wird gefragt, woher die Ware sei, wie teuer, woher – auch wenn sie noch gar nicht auf der Rückreise sind, denn die wird 25 Jahre dauern. Egal, was ist, an den Handel wird immer gedacht. Besonders gern werden Edelsteine eingehandelt, denn die verbrauchen wenig Platz, sind leicht und fast überall wertvoll.

Auch dieses Buch klärt natürlich nicht, welchen Wahrheitsgehalt die „wirklichen“ Berichte von Marco Polo haben. Noch auf seinem Sterbebett hat er nicht nur Teile seiner Berichte nicht geleugnet, sondern behauptet, dass er noch Vieles verschwiegen habe. Während er aber fast ausschließlich vom Handel berichtete, versucht Anke Dörrzapf, auch die Gefühle und die Umgebung mit einzubeziehen. Die historischen Übersichten blendet sie immer wieder mit kurzen, abgetrennten Absätzen ein.

Der zweiten Person, die für das Buch verantwortlich ist, wird in den bibliographischen Angaben an zweiter Stelle genannt – und nicht erst nach dem Titel, obwohl der Bildanteil erheblich geringer ist. Ihre Illustrationen prägen sehr unser Bild von dem, was im Text erzählt wird. Gedeckte Farben, glatt und ohne ductus, vermitteln einen Ausdruck von „Sauberkeit“, Brauntöne herrschen vor. Das sind die Farben des Wegs durch die Wüsten Taklamatan oder Gobi, das sind die Farben der Überwürfe der chinesischen Herrscher, das ist die Farbe von Wildseide und die Farbe der Bergpässe in den Osten.

 

Es gibt Themen, die in regelmäßigen zeitlichen Abständen behandelt werden müssen, damit diese nicht in Vergessenheit geraten. Marco Polo und seine Reise(n) gehört unbedingt dazu.

Ein wichtiges Thema, ein gutes Buch.

 

Ulrich H. Baselau für den "Wittmunder BilderBuchBär"en