Hilde Domin & Alexandra Junge:
Die Insel, der Kater und der Mond auf dem Rücken

Frankfurt: Fischer Schatzinsel 2009

www.fischerschatzinsel.de

ISBN 978-3-596-85360-1
64 Seiten * 12,95 € * ab 08 Jahre

 

 

 

 

Für einen Kater, der nur noch ein Ohr hat, ist „Gogh“ ein passender Name, auch wenn dieser nicht im reichen Holland lebt, sondern in der armen Dominikanischen Republik, wo die Leute ihr einziges Paar Schuhe ausziehen, wenn es regnet. Hildes Domin schreibt von „Ausgestoßensein, Freundschaft, Einsamkeit und Zivilcourage“, Alexandra Junge zeichnet dazu Bilder aus einer fremden Welt.

Einohr

Clemens Greve schreibt in seinem Nachwort, dass „das wahrhaftige Benennen der Wirklichkeit und das brüderliche Benennen dessen, was das Menschsein ausmacht“ Kern in Domins Werk sei. „Hilfsbereitschaft als »Lebensvisum« und »Dennoch-Menschlichkeit inmitten äußerster Unmenschlichkeit« kennzeichnen ihren Lebensweg und den Inhalt ihrer Bücher.

Hier erzählt sie, ohne sie besonders zu kennzeichnen, drei Geschichten von ihrem Kater, der irgendwann einfach da war, und der ob seines fehlenden Ohres den Namen des Malers Vincent van Gogh erhielt, dem ebenfalls ein Ohr fehlte. Einfach weg, die Ohrhaare standen mehr oder weniger nutzlos, das Loch war dem Regen ausgeliefert. Das war offensichtlich der Sinn. Wer kein Wasser im Ohr haben möchte, der bleibt zu Hause und flieht nicht „in den Monte“, ins Gebirge, in die Unwegsamkeit. Dort ist man zwar „frei“, aber man muss die Freiheit auch ertragen können. Ein offenes Ohr führt dazu, dass man auch Fußtritte ertragen mag, es sei denn, der Drang nach Freiheit ist ZU stark. Die Menschen behaupten natürlich, dass andere Gründe zum Ohrverlust führten: Einer bösen Katze, eine, die Hühner stiehlt, der wird das Ohr abgeschnitten. Doch wir ahnen schon, dass Gogh sicher eine geschundene Kreatur ist und floh – so wie Hilde Domin fliehen musste aus Deutschland, damals, 1940.

 

Der Autorin gelingt es, den Kater als ihr „alter ego“ einzuführen und Alexandra Junge zeigt, was das bedeutet: In der Mitte sitzt der Einohrige, fünf ausgestreckte Arme und Zeigefinger weisen auf ihn, als wäre er schuldig für irgendetwas. Ist er böse oder wollten ihn die „Besitzer“ behalten, ihn von seinen Ausflügen abhalten. Was er für die Autorin ist, ist natürlich klar. Und das schreibt sie uns nachhaltig.

 

Die Bilder versuchen, die exotische Umgebung so aufzufangen, dass sie einerseits eine „naive“ Sichtweise vermitteln, andererseits aber – vor allem durch Konstellationen der Figuren – europäische Werte darzustellen. Auch wenn die Autorin fast 15 Jahre in ihrem Exil verleben musste, so blieben doch ihre Normen entscheidend für sie und ihre Texte.

 

Für uns auch.

 

Ulrich H. Baselau für den "Wittmunder BilderBuchBär"en