Peter Verhelst nach H. C. Andersen & Carll Cneut:
Das Geheimnis der Nachtigall

Aus dem Belgischen von Mirjam Pressler

Köln: Boje 2009

www.boje-verlag.de

ISBN 978-3-414-82218-5
72 Seiten * 24,95 € * ab 06 Jahre

 

 

 

 

Nimmt man die Nebengeschichten weg, dann bleibt die Frage, was wirklich wichtig ist, was letztlich glücklich macht und was uns auf Abwege von uns selbst führt. Von Andersens Märchen bleibt der Kern der Geschichte, aber der bleibt: Eine künstliche Nachtigall aus Gold und Edelstein gibt viel mehr her, sie singt jedoch nur so lange, bis sie defekt ist. Am Ende bleibt die Sehnsucht nach der echten, freien, kleinen und sehr unscheinbaren Nachtigall.

Die schöne Nachtigall singt
Die Nachtigall singt schön

 

Die Geschichte ist ganz in das Kaiserreich China verlegt, in die Zeit, in der es sehr schnell geht, bis das ganze Volk hustet, weil der Kaiser sich verschluckte, lacht, weil der Kaiser die Mundwinkel verzog, die Stirn runzelt, weil der Kaiser nachdenkt. Er ist der „wohledelgestrenge“ Herr, der in seinem Hofstaat aufgeht und nichts weiß vom Leben außerhalb. Seine Wünsche werden erfüllt, sofort oder unverzüglich, ohne Umschweife oder im Zeitraum eines Wimpernschlags.

Der eng gedruckte Text nimmt einen großen Teil des Buches. Er führt uns ein in das Denken des absolutistischen Chinas, in dem das ganze Volk nur einen Willen zu haben scheint: Dem Kaiser möge es gut gehen. Als er sich einen Garten wünscht, der noch nie gesehen wurde, gelingt auch dies. Allerdings ist der „Bauherr“ keiner der großen, bekannten Gärtner, sondern ein kleiner, unbekannter aus dem hintersten Winkel des Reichs. Nichts ist im Garten, wie es zu sein scheint, aber die Krönung von allem ist der Gesang der Nachtigall. So steht es im Gästebuch, und so ist es dann auch in der Tat. Als Vermittlerin dient das junge Mädchen, das sich hoch oben in den Bäumen wohler zu fühlen scheint, als auf dem Boden. Sie bringt die kleine graue Nachtigall in den Palastbereich. Der Kaiser ist begeistert vom Gesang.

Nun ist dieser Vogel so etwas von unscheinbar, dass es dem Kaiser auch wieder nicht gefällt. Man fertigt also aus Metall mit Gold und Edelsteinen eine Figur an und sucht nach dem Geheimnis des Gesangs, entschlüsselt diesen durch Imitation.
Doch: Tand ist das Gebild von Menschenhand! Der künstliche Vogel versagt. Der Kaiser gerät in Trübsinn, das ganze Volk antwortet mit Stille, was ganz untypisch ist für die Chinesen. Doch das Mädchen weiß, dass ein einziges Streichholz einen ganzen Wald in Brand setzen kann, und dass eine einzige Nachtigall …

 

Wir reden von einem Bilderbuch. Carll Cneut ist verantwortlich für die Bilder, und er schafft für uns ganz fremde Welten. Die Personen haben die für seine Zeichnungen typischen kurzen und kleinen Extremitäten. Den Menschen gibt er individuelle Züge, aber keinen Hintergrund. Da stürmen 12 Personen auf der Suche aus dem Bild, untersuchen mit einer Lupe (die die Nase des einen unnatürlich stark vergrößert) die kleine unscheinbare graue Nachtigall oder sprechen sich paarweise gegenseitig an.

Ganz anders dann seine anderen, die ganzseitigen Bilder, deren Grundstimmung still ist, dunkel mit kleinen hellen Öffnungen. Einige haben gar keinen Moment, in dem sich das Auge des Betrachters ausruhen kann. Sie zeigen, wenn man interpretieren mag, dunkle Räume eines Dschungels, vielleicht. Dann aber gibt es ähnliche Bilder, in denen das Mädchen die Hauptrolle spielt und/oder die Nachtigall: Hoch oben auf einem Baum vor einem blass-grünen Mond sitzt ein chinesisches Kind mit ausladendem Reishut auf den Zweigen eines Baums, in der linken Hand ein kleiner Vogel.

So wie die beiden Arten der Bilder ganz gegensätzlich sind, so werden wir Betrachter von der Illustration der Geschichte zwischendurch in eine fremde Welt der Gefühle geleitet, die als wirklich Neu für die Illustration in Kinderbüchern gelten kann.

 

Nicht zufällig war dies Buch auf der Liste des LesePeters für den Dezember 2009.

 

Ulrich H. Baselau für den "Wittmunder BilderBuchBär"en