Marcus Herrenberger:
Jahrhundert einer Ratte
Zwischen Lenin, Jazz & Harry Lime
Von Casablanca nach Kyoto

Bargteheide: Minedition 2009

www.minedition.com

ISBN 978-3-86566-100-5
105 Seiten * 29,95 € * ab 14 Jahre

 

 

 

 

Wenn man einmal davon absieht, dass eine Ratte nur ca. 3 Jahre alt wird, dann ist unsere, die am Ende Epikur heißen wird, ziemlich alt geworden, denn sie ist in der Bildergeschichte seit Lenin und der Russischen Oktoberrevolution in die Geschichte eingebunden bis in das fast Heute. Viel Politik, viel Kunst, viel Allgemeinwissen wird per Bilder plus Seitenuntertitel transportiert – aber auch gefordert.

Kleine Geschichtslehre

Das Thema ist für ein Bilderbuch natürlich ungeeignet. Der Trick, ein Jahrhundert Geschichte darzustellen und in den Mittelpunkt aller Aktionen eine Ratte zu stellen, ist gelungen, wenn man einmal annimmt, dass dies kleine possierliche Tier sich wirklich einschmeicheln kann in die Welt der Gestalter.
Wir beginnen mit dem Niedergang Russlands und der Aurora. Lenin wird „gewinnen“, die UdSSR wird entstehen – und unsere kleine Ratte ist auf dem „Foto“, von dem wir wissen, dass es retuschiert wurde, um unliebsame „Genossen“ aus der Geschichte zu tilgen.

Marcus Herrenberger lebt diese Situationen aus. Er zitiert geschichtsträchtige Zeiten und packt seine kleine Ratte mittendrin. Er malt, zeichnet aber genauso, er zitiert also auch in seinen Bildern, die in Art eines Comics daher kommen, oft je unterschiedliches Maß aufweisen, wenn nur der äußere Rahmen stimmt. Da können auch Bilder in die Bilder hereinragen, um Aktion zu demonstrieren oder zeitliche Bewegung vorzutäuschen.

Jede Seite spricht für sich, wenn man als „Leser“ die Zeit einordnen kann. Der zumeist kurze Text am unteren Ende spricht zumeist alle Bilder an, verweist aber immer auf das, was wir (du und ich) aus anderen Quellen kennt. Das Buch ist nicht geeignet für Menschen, die sich mit geschichtlichen Abläufen so gar nicht auskennen.
Wer aber hier oder dort „eine Ahnung“ hat, der wird sich mal um mal freuen, dass er Zitate gefunden hat. Das beginnt mit dem berühmten Lenin-Foto und springt in das frühe Paris der Kubisten, zu allererst natürlich Picasso, der – den Bildern gemäß – seinen eigenen Bildern nebengleich Bilder mit unserer Ratte malte – sei es Guernica oder diverse Frauenbildnisse. Über das Theater und ein Aussiedlerschiff kommen wir in die USA, und dort wartet schon Edward Hopper auf den Autor / Illustrator, denn er findet viele Motive abzeichenswert, bevor er (im Anhang) den Namen des amerikanischen Künstlers erwähnt. Dabei haben wir spätestens bei „Nighthawks“ längst erkannt, dass wir eine Nebengeschichte zu verfolgen haben.

 

Aber auch, wenn wir als Leser, mehr noch als Betrachter der Bilder keine Andeutung und keinen (kleinen) Hinweis erkennen, haben wir einen Gewinn in der Bildfolge. Wohl niemals zuvor ist ein Jahrhundert der Umbrüche, der Weltkriege, der Teilung der Welt in Ost und West und der Auflösung in so wenigen Bildern dargestellt worden. Anstatt sich anschließend nach Süden zu wenden, schauen wir nach Osten.

Die Zukunft wird bald zeigen, welche Sichtweise uns bestimmen wird.

 

Das „Bilderbuch“ ist natürlich nicht für Bilderbuchkinder bestimmt, ist andererseits ein guter Hinweis darauf, dass Bilderbücher überhaupt nicht nur für Kinder bestimmt sein müssen, die im Vorschulalter sind. Kinder- und Jugendbücher sind über das Alter bestimmt, Sachbücher zumeist nicht.

 

Und Bilderbücher – wie dieses – erst recht nicht.

 

Ulrich H. Baselau für den "Wittmunder BilderBuchBär"en