David Macaulay:
Das große Buch vom Körper

Aus dem Englischen von Dr. Wolfgang Hensel

Ravensburg: Ravensburger 2009

www.ravensburger.de

ISBN 978-3-473-55247-4
336 Seiten * 24,95 € * ab 10 Jahre

 

 

 

 

Hat Macaulay uns bisher die „Bauweise“ von Kathedralen oder Moscheen erläutert, den Rückbau des Empire State Buildings oder eine Stadt wie Rom, so macht er uns bekannt mit der Bauweise eines besonderen Wesens: dem menschlichen Körper. Immer wieder überraschend, wie es ihm gelingt, extrem komplizierte Vorgänge in seinen Zeichnungen und Skizzen so zu verdeutlichen, dass selbst Achtjährige sie – wenigstens im Grundsatz – verstehen.

Innenausbau Mensch

Dass Macaulay nicht nur eine große Gabe hat, Dinge zu visualisieren, sondern auch noch mit Humor zu würzen, sieht man bereits auf dem Titelbild. Eine menschliche Hand zeigt den „Zangengriff“, der dieses „Tier“ wohl vor den anderen deutlich bevorteilt. Er zeichnet sie allerdings seziert, man sieht, wie die Fingerknöchelchen durch Bänder zusammengehalten werden und wie die Sehnen sich unter durch schlängeln. Den kleinen Finger lässt Macaulay allerdings ungebunden, sodass die Fingerspitze sich fortbewegt. Das Witzige erkennt man erst danach: Auf dem Ringfinger steckt ein Ehering.

Auf Seite 54 zeigt er, auch wieder sehr humorvoll, die Struktur seiner Recherchen, indem er eine menschliches Ballettriege zeichnet und die Figuren mit den Themen füllt: Atmung, Blutkreislauf, Verdauung, Harn-, Nerven-, Hormon- und Lymphsystem, Skelett, Muskulatur und Fortpflanzung. Der Letzte der Riege ist ein Operateur in Berufskleidung.

Bevor es soweit ist, klärt Macaulay Grundsätzliches, und zeigt dabei, wie intensiv er offensichtlich recherchierte. Diesen Teil sollten die 10-jährigen Leser noch überschlagen, da er trotz der wunderbaren Illustrationen ohne Vorkenntnisse kaum zu verstehen sein dürfte. Für Schüler der Sekundarstufe eins dagegen ist dies eine ganz hervorragende Einführung (oder Nachlese) in die Welt der Chemie, besonders natürlich der organischen oder Biochemie.

Die Last des Lernens und Weitergebens der Erkenntnisse muss enorm gewesen sein, zeigt sich doch im Verlauf des Buches, was sich im Vorbereich andeutete, dass nämlich der Mensch ein ausgesprochen kompliziertes Wesen ist – und da sprechen wir noch gar nicht von seinen Handlungen und seinem Denken.

Anders als in vielen seiner anderen Büchern benutzt Macaulay diesmal (blasse) Farben, besonders gern die Komplementäre Blau und Orange, das wiederum, ein wenig zu rot geraten, fast die Gegenfarbe zu dem grünem Gallengang oder den Riechrezeptoren bildet.

 

Man kann das großformatige Buch, auch als Erwachsener, kaum in einem Stück lesen, um endlich einmal das zu Verstehen, was man in der Schule irgendwie verpasste – zumal es weit über Schulwissen hinausgeht.
Es ist vielmehr hervorragend geeignet, um Zusammenhänge, Zusammenspiel selbst in Teilgebieten zu begreifen, ohne dabei aus dem Auge zu verlieren, dass sich Vieles gegenseitig beeinflusst oder bedingt. Eine große Kunst, so etwas nicht in bewegten, sondern in eingefrorenen Bildern darstellen zu können!

Wer sich nur für kurze Erklärungen interessiert, wird auf neun Seiten bedient, die dem ausführlichen Register vorangestellt sind.

Die Art von Humor, die Macaulay bevorzugt, zeigt sich noch einmal am Schluss. Dort gibt es einen „Anhang“, allein auf der letzten Seite. Er benutzt das lateinische Wort dafür, nämlich „Appendix“, was wiederum beim Menschen der Teil ist, der bei einem „entzündeten Blinddarm“ operativ entfernt wird. Die Seite handelt also, und zwar ganz kurz, von eben diesem, der uns doch zu unnütz erscheint.
Das Buch jedenfalls ist das Gegenteil von „unnütz“.

 

Ulrich H. Baselau für den "Wittmunder BilderBuchBär"en