Guillaume Duprat:
Seit wann ist die Erde rund

Aus dem Französischen von Stephanie Singh

München: Knesebeck 2009

www.knesebeck-verlag.de

ISBN 978-3-86873-135-4
61 Seiten * 19,95 € * ab 09 Jahre

 

 

 

 

In einer Zeit, da in den Schulen der USA gleichberechtigt Darwin und Bibel über die Entstehung der Welt unterrichtet werden sollen, ist dies Buch eine wunderbare Quelle. Wer mag wirklich glauben, dass die Erde eine Scheibe ist, die auf den Spitzen der Hörner eines Stieres steht, der selbst auf einem riesigen Ei balanciert, das wiederum von einem riesigen Fisch durch die Fluten des Alls getragen wird?

Die Erde auf der Schildkröte

Schöne Bilder, wunderschöne Bilder, teilweise hinter Klappen versteckt und insofern erforschbar, zeigen auf, dass durchaus ähnliche Vorstellungen von der Welt an ganz unterschiedlichen Stellen der Erde zu unterschiedlichen Zeiten herrschten. Auch wenn es Gegenden vor über 2000 Jahren gab, die der Wahrheit über die Erde erstaunlich nahe kamen, blieb die Vorstellung der Erde als begrenzte Scheibe lange die vorherrschende. Erde als halbe Kokosnuss auf eingerollter Riesenschlange, Erde als einer Art Küchlein auf dem Riesenfisch, auf den vier Elefanten, die auf der Schildkröte stehen, die auf der Schlange ruht.

Bei vielen Bildern wird klar, warum die Erde ab und zu bebt (der Büffel wackelt, der Fisch neigt den Kopf, die Schlange gähnt). Zugleich werden seit jeher Unterwelten, Höllen dargestellt und ihre Bedeutung für die Menschen, auch wenn keine so brutale Nachlebens-Zeiten andeutet wie es die christliche Kirche macht(e). Einige Weltbilder sprechen von einer Spiegelwelt unter der unseren, andere von 9 Unterwelten, wobei wir nicht wissen, in welcher der neun wir leben.

Die Vorstellungen von der Erde zeig(t)en fast alle geometrischen Formen, die wir uns auch vorstellen können. Immer waren sie auch räumlich, auch wenn unser Lebensraum auf ihr flächig war. Die Ränder sind mal rund, mal vier- oder dreieckig, mal oval, mal als Insel, mal gewölbt, mal birnenförmig und mal abgeplattet, mal hohl und mal gefüllt.

 

Wir, die wir in der Tat Fotos von unserer Erde kennen (denen wir selbstverständlich vertrauen, denn Bilder lügen nicht), wissen um die wahre Form der Erde, aber dieser Sieg ist nur ein kleiner. Wie also sieht das Weltall aus?

 

Aufbau und Darbietung, die Mischung von Text und wunderbar gestalteten Bildern ist ausgesprochen gelungen, die Klappentechnik erinnert unsere neunjährigen Leser an ihre frühe Bücherzeit, ist für diese noch gerade ein Moment, im Buch eine kleine Besonderheit zu sehen, die ansonsten eher überflüssig ist, wenigstens an den Stellen, wo auf dem Deckel der Klappe keine zusätzlichen Informationen transportiert wird.

 

Die Zusammenschau stellt immer wieder die Frage, ob nicht auch wir – wie die Menschen zur damaligen Zeit – eine begrenzte Sichtweise haben, die wir aber ebenfalls nicht erkennen können – wie die Menschen damals. Man weiß nicht, das ist eine der Botschaften, dass man nichts weiß, oder wenig, oder Falsches. Jedenfalls verlieren wir beim Betrachten der vielen Vorstellungen die Überheblichkeit des Besserwissers und fühlen uns eher klein als übergroß.

 

Ulrich H. Baselau für den "Wittmunder BilderBuchBär"en