Fil (Philip Tägert) & Atak (Georg Barber):
Der Struwwelpeter

Zürich: Kein & Aber 2008

www.keinundaber.ch

ISBN 978-3-0369-5260-4
96 Seiten * 29,90 € * ab 16 J

 

 

 

 

Dr. Heinrich Hoffmann, ein Angestellter der Frankfurter Irrenanstalt (heute Teil der Goethe-Universität), schrieb und zeichnete für seinen dreijährigen Sohn 10 Geschichten, denn das, was er Weihnachten 1844 in den Geschäften vorfand, waren „lange Erzählungen oder alberne Bildersammlungen, moralische Geschichten, die mit ermahnenden Vorschriften begannen und schlossen, wie: 'Das brave Kind muss wahrhaft sein‘; oder: 'Brave Kinder müssen sich reinlich halten‘ usw.“ (H. Hoffmann 1871 in „Die Gartenlaube“).

Der Struwwelpeter
oder
lustige Geschichten und drollige Bilder
für Kinder von 3 bis 6 Jahren

 

Die Erfolgsgeschichte des Buches: mehr als 500 Auflagen, Übersetzungen in fast alle Sprachen der Welt, Verfilmung und eine Unmenge an Struwwelpetriaden an: auf und für das Militär, auf die Struwwelliese, auf Ägypten gemünzt, auf Hitler, als Comic, im sozialistischen Deutschland und als antiautoritäre Version von Friedrich Karl Wächter (1970). Weitere Versionen sowie Anmerkungen lese man am besten im Internet nach, u. a.: http://de.wikipedia.org/wiki/Struwwelpeter

 Hier soll das auch ebenda erwähnte Buch, eine „cover-version“, von Fil & Atak Gegenstand einer Betrachtung sein.

Der Verlag beschreibt das Buch so: „Dies ist keine Parodie, kein antiautoritärer Hippie- Struwwelschnack und keine verflachte Häppchenanhäufung, sondern eine in Wort und Bild vom Geist des Originals durchdrungene Coverversion.
Wie eine Rockband, die ihre Lieblingssongs covert, gingen ATAK und Fil an die Geschichten
…“

In der Tat gehen die beiden Künstler weit über das Anliegen des Ursprungsautors hinaus. Hatte der noch seinen Sohn im Sinn, so ist es hier die Gesellschaft, vor allem die – fast oder ganz – erwachsenen Personen. Ihnen widmen sie mindestens so viel Aufmerksamkeit wie der Quelle. Beginnen wir mit den Zitaten. Beide Autoren begleiten selbst die Geschichten, Atak als eine Mischung von „Fritz the cat“ und „Lucky Luke“ und Fil als eine Maneki Neko (japanische Winkekatze, Glücksbringer und Hereinrufer). Daneben treten Hinweise auf Andy Wahrhol, Mickey Mouse, Popeye, Batman, Tim und Struppi und A-Hörnchen auf, werden Bilder von Caspar David Friedrich zitiert und von Jean-Jacques Rousseau, finden Tulpen in jeder Art, besonders aber die „Semper idem“ in vielen Bildern Eingang, wird ein Kurzgedicht von Brecht als Karikatur zum abgemagerten Strichmännchen Philipp zitiert und mit einem Himmel von Edvard Munch verziert..

 Dass die zehn plus eine Geschichten vollständig nur derjenige verstehen kann, der ein Mindestmaß an „Bildung“ mitbringt, merkt man spätestens, wenn der Co- und der Sinus genannt werden, der Ödipuskomplex (bzw. seine Abwesenheit), die 7 Dioptrien des Jägers nicht erklärt werden und auch nicht, warum er auf der nackten, drallen „Jungfer Edeltraut“ landet anstatt im Brunnen. Der Schluss, der siegreiche Hund sei nach Darwin also höher entwickelt als Friedrich, ist an der Stelle ebenso nur witzig, wenn man Vorkenntnisse hat, und einen Apostel mit Namen Bernd kann auch nur einer erfinden, der einen Reim sucht auf „etwas gelernt“.

Ansonsten folgt der Text inhaltlich den Vorgaben des Originals, auch wenn dieser nicht ausschließlich den paarweisen Reim zulässt und – getreu den Vorgaben von Wilhelm Busch – auch mal Fünfe gerade sein lässt. Da reimen sich „Stohl“ auf „wohl“, „Stirm“ auf „Schirm“ und – um noch einen drauf zu geben – „Stirm“ sogleich auf „Wurm“.

Die Bilder mit „chaotisch“ zu beschreiben, wäre zu einfach. Sie widerstreben der geradlinigen Erzählung, wie es der Text eigentlich erfordert, und sie lassen nicht nur etwas Sympathie für die als Negativbeispiele gedachten Personen empfinden, angefangen vom Peter, über Pauline, die drei Unverbesserlichen mit der Fahne, dem Brezel und dem Reifen (sie werden als wirklich arge Personen im Bild zitiert), dem Jäger, Konrad, Hans (er wird um zwei Geschichten vorgezogen und erhält einen deutlich anderen Schluss), Kaspar, Philipp und Robert. Als Zugabe gibt es eine Hommage an heute, in ganz anderem Stil gezeichnet und mit einem heutigen Thema im Sinn (x-box und TV).

Während Illustratoren von „Wimmelbildern“ in ihren Bildern die Einzelteile sehr übersichtlich sortieren, scheinen sie bei Atak wahllos hineingesetzt – ohne Rücksicht vor allem darauf, jede Art von „Niedlichkeit“ zu vermeiden. Die Personen sind mit dickem braunem Strich umrandet, die Gemütslage ist sofort ablesbar. Ansonsten lässt er seiner Fantasie freien Lauf: Die beiden Daumen haben Füße und Gesichter und entfliehen der Szene, der Hund ist – wie in Mal-Anleitungen oft zu sehen – in seine Einzelteile zerlegt, Löwe wie Eule rauchen Pfeife, Häuser sind klein und mehr ein Accessoire, überall Linien und Punkte, Blätter und florale Elemente, nicht fertig gezeichnete Figuren, Ellenborgen wie Kugeln, mehrfach spitze und lange Nasen, vielfach Selbst-Zitate innerhalb eines Bildes oder im Anlehnung an andere im Buch.

Die Ausgangslage zum Buch nennt der Peter mit dem Zusatz „Struwwel“ selbst, der hier (wie der Erst-Bilder-Struwwelpeter) nicht auf einem Podest steht, sondern auf einem Brett, und mit seiner Armeehose und den schweren Stiefeln sowie dem wilden, bewohnten Haarschopf deutlich auf die (frühe) Punk-Szene hindeutet. Er beklagt fast, dass er ja nur so sei, weil er einen Gegenpol bilden muss zu uns: „‚Schaut mich‘, sagt sein Blick voll Leid, / ‚ich bin so, weil ihr SO seid ~ / euer Plus erzeugt mein Minus, / bin der Co- zu euerm Sinus … Wär ich’s nicht, müsstet ihr es sein.‘“

 

Fil ist der Künstlername von Philip Tägert. Er wurde 1966 in Berlin geboren, lebt immer noch dort und veröffentlicht u. a. in der „Zitty“, eine von zwei großen Berliner Stadt-Zeitung mit Veranstaltungshinweisen, seine „Didi & Stulle“ Comics. Er tritt außerdem mit einer Handpuppe als Entertainer auf und singt zur Gitarre. siehe auch: http://de.wikipedia.org/wiki/Philip_T%C3%A4gert

 

Atak heißt bürgerlich Georg Barber. Er ist Jahrgang 1967, in Frankfurt / Oder geboren, bis 2004 Dozent an der Hochschule für ‚Angewandte Wissenschaften Hamburg‘ und anschließend Lehraufträge in Gent, Offenbach und Halle. Er veröffentlicht vor allem „Comics“, wobei er sich nicht auf einen Stil festlegt. Siehe auch http://www.fcatak.de/index2.htm

 

Ulrich H. Baselau für den "Wittmunder BilderBuchBär"en