Flix:
Da war mal was …

Hamburg: Carlsen 2009

www.carlsencomics.de

ISBN 978-3-551-78968-6
96 Seiten * 14,90 € * ab 07 Jahre

 

 

 

 

Aus einer kleinen Geschichte in 12 Bildern entwickelte sich ein Projekt, der Welt des ehemals geteilten Deutschlands aus der Sicht von Kindern auf die Spur zu kommen. Das ist rührend bis komisch und geht an die Grundfesten – wahrscheinlich mehr, intensiver und nachhaltiger als so mancher gelehrter Aufsatz. Ein ganz anderer Geschichtsunterricht, und dann auch noch als Comic.

Sandkörner

Entstanden ist das Projekt als Zugabe auf der Sonntagsbeilage des Berliner Tagesspiegels. Der Autor, der sich „Flix“ nennt, veröffentlicht dort die erste Geschichte in zwölf Bildern. Es dreht sich um die Ängste eines 13-jährigen, die durch einen Freund hervorgerufen werden. Er selbst wohnte in Hessen, die DDR kam so gut wie nicht vor in seinem Leben. Der Freund berichtet von den Besuchen bei Verwandten drüben, und dann fällt der Satz „… man darf keine Spielzeugpanzer mitnehmen!“ und „Wenn man erwischt wird, kommt man ins Gefängnis.“ Mit Gefängnis assoziiert der Junge die Lage des Grafen von Monte Christo („ich hatte [ihn] als Kassette.“). Von nun an stellt er sich vor, wie er am besten den Panzer schmuggeln würde, verwirft den Entwurf, macht einen neuen Plan, um am Ende zu gestehen, dass er weder Verwandte in der DDR besaß noch einen Spielzeugpanzer.

Genau von dieser Art sind die kurzen Geschichten. Celina berichtet von ihrer Tante, einer begnadeten Märchenerzählerin, die ihr Bild vom Gleichgewicht der Welt so intensiv prägte, dass sie noch heute am liebsten verreist mit Wohnungstausch. [Anmerkung: Brüder Lauenstein: Balance www.youtube.com]. Jakob erzählt von den Schikanen an der Grenze, die mit einem Schlag aufhörten, nachdem die Familie – zwar infolge eines Missverständnisses aber immerhin – zu den Feierlichkeiten „30 Jahre der schönste Staat der Welt“ hinüberreiste.
Oliver sprengt den Rahmen der 12 Bilder in dieser Ausgabe. Er berichtet vom Schmuggeltrick, eine verbotene Zeitschrift mitzunehmen, darunter allerdings versteckt das verbotene Buch. Als „Der Butt“ von Grass doch gefunden wurde, argumentierte er, es sei ein Buch übers Angeln und erhielt Unterstützung von einem anderen Grenzbeamten, dass es ja auch im Fischer-Verlag erschienen sei. „Ich bin mir bis heute nicht sicher, ob die Grenzer tatsächlich so unglaublich doof waren oder bloss eine sehr eigene Art von Humor hatten.“

 

Jede Geschichte ist mit einer anderen Grundfarbe unterlegt, die Ideengeber werden lediglich mit Vornamen genannt. Alle erzählen ganz kleine Geschichten aus der Sicht von Kindern, von denen man keine Geschichts-Sicht erwartet. Alle haben eine Pointe, die man allerdings als Jugendlicher oder Erwachsener besser versteht, als wenn man im Alter der Protagonisten ist. Dennoch kann sich, Sandkorn um Sandkorn, auch bei Jüngeren ein Bild zusammenfügen, das wir selbst kaum kennen, das aber der Realität wohl sehr nahe kommt. Welch Tragik, wenn alles Sinnen und Trachten auf die hoffentlich baldige Mitgliedschaft bei den Thälmann-Pionieren gelegt wird – und dann plötzlich der Westen in das Leben von Yvonne tritt. Aus. Vorbei. Es gibt keine Pioniere mehr. „Ich war dann bei den Pfadfindern, aber es war nicht dasselbe …“

 

Flix reduziert sowohl seine Personen als auch die Umgebung, verzichtet oft auf Horizonte oder Fluchtperspektive. Wie in Soap Operas spielt sich alles im Vordergrund ab, werden Gefühle auf den Gesichtern direkt sichtbar. Wer sprachlos ist, hat gar keinen Mund, wer direkt nach vorn schaut, hat oft eine überdimensionierte Nase in Form eines nach oben offenen Trapezes. Alle Menschen verkörpern je einen Typus und relativieren damit die individuell erlebte und erzählte Geschichte.

 

Wer sich mit diesen Comics „ein Bild“ von der DDR-BRD-Zeit macht, kann nicht ganz verkehrt liegen, auch wenn wir wenig über die ersten vielleicht 20 Jahre erfahren.

 

Ulrich H. Baselau für den "Wittmunder BilderBuchBär"en