Stian Hole:
Garmans Sommer

Aus dem Norwegischen von Ina Kronenberger

München: Hanser 2009

www.hanser.de

ISBN 978-3-446-23314-0
44 Seiten * 14,90 € * ab 05 Jahre

 

 

 

 

Garman ist sechs Jahre alt. Genauso viele Punkte zeigt der Marienkäfer auf seiner Nase. Das bringt Glück, sagt Papa. Die Tanten bringen nur eine selbst gestrickte Mütze, und sie schrumpfen immer mehr, sind noch kaum mehr größer als Garman. Und morgen fängt für Garman die Schule an. – Ein „merkwürdiges“ Bilderbuch, das gar nicht „schön“ ist und das Kinder dennoch fasziniert.

Schulbeginn

Die drei Tanten kommen ein paar Tage im Jahr vorbei und bringen „Gicht und Verdauungsbeschwerden und Makronenkuchen mit“. Sie sind Teil der Foto-Collagen, die in eine skurrile Welt hinein geklebt wurden, eine Welt, die offensichtlich die des fast Sechsjährigen Garman ist. Ab morgen beginnt der Ernst, die Schule also, bis heute (mindestens) müssen alle seinem Bild der Welt um ihn folgen. Dabei möchte er auch ein bisschen sein wie die Zwillinge, Wackelzähne haben, sich trauen, den Kopf unter Wasser zu stecken, Rad fahren.

Stattdessen sind die Tanten da. Die haben keine Wackelzähne, die haben gar keine Zähne, sondern je ein Gebiss. Das sieht sehr merkwürdig aus im Wasserglas, wenn die Tanten Mittagsschlaf halten. Tante Borghild behält ihr Gebiss im Mund. Ob sie auch mal Kind war „Ja, vor hundertfünfzig Jahren“, antwortet sie und gesteht, dass sie ein wenig Angst vor dem Sterben hat. Tante Ruth hat Angst vor dem Winter. Da sind die Wege glatt, und der Rollator bleibt im Schnee stecken. Tante Augusta hat es gut, denn die hat vor nichts Angst, denn sie ist vergesslich geworden, sehr vergesslich.

Garman sagt es nicht, aber seine Angst konzentriert sich auf 13 Stunden von jetzt an. Dann beginnt die Schule.

 

Stian Hole mutet uns Einiges zu. Nicht mit der Geschichte, denn die entwickelt sich ruhig, zum Teil in kleinen Rückblenden, immer aus der Sicht des kleinen Sechsjährigen Garman. Nein, die Zumutung liegt in den Bildern, in den Fotos, die er in seine Bilder, in seine Collagen einfügt. Weder Garman noch die drei Tanten sind Sympathieträger. Garman ist ein „Schisser“, ein Angsthase. So möchten wir – bestimmt – nicht sein: gequältes Lächeln, mickriger Körper, kraftlos, rote Schwimmflügel an den Oberarmen anstatt kräftiger Muskeln. Ebenso die Tanten mit ihren vielen und tiefen Falten, den lächerlichen Kopfbedeckungen, den borstigen Haaren am Kinn. Die Augen, ja, die ruhen trotz der Angst, von der der Text berichtet.

Hinter den eingefügten Fotos wird der gezeichnete Bildteil fast unbedeutend, obwohl er mehr Beachtung verdient hätte. Die witzigen Schneemänner und die Dank des immerwährenden Windes von vorn rechts gebeugten Äste der schwarzen Winterbäume, die üppige Blumenpracht – vielleicht auch die wenigstens zum Teil collagiert, aber geschickt eingebunden in das Bild mit dem fast kitschigen Strahlen, die vom tiefen Horizont aus das Bild erhellen – wie es so manche Musikbands im Hintergrund machen, um sich selbst zu erhöhen.

 

Ein wirklich tolles Buch mit ganz vielen Facetten, die einen zweiten oder folgenden Blick fordern. Leider wohl ein Buch für den Kritiker und für die Kinder, nicht aber für die Käufer des Buchs. Umso mehr Dank an den Verlag, das Buch dennoch zu verlegen. Vielleicht setzt sich ja der „Leser“wille durch, denn alle Kinder, denen ich das Buch zeigte (und nicht vorlas oder den Inhalt erzählte), waren zunächst einmal sehr neugierig und wollten mehr wissen.

 

 

 

 

Ulrich H. Baselau für den "Wittmunder BilderBuchBär"en