Johanna Spyri & Maja Dusíková:
Heidi

gekürzter Text von Katja Alves
Zürich: NordSüd 2009

www.nord-sued.com

ISBN 978-3-314-01577-9
28 Seiten * 12,95 * ab 04 Jahre

 

 

 

 

Die stark gekürzte Geschichte hat natürlich einige Brüche, erzählt aber dennoch die Geschichte des Mädchen aus der Alpenwelt, das in der fernen Großstadt wohl eine Freundin findet, aber nicht das Glück. Das liegt natürlich für Heidi – und nun auch für Karla – in den Bergen.

Das Heidi

Alpen-Heimatfilm, Hütte, Häschen, Vögelchen, der verbitterte einsame Alte in den Bergen, dessen Herz durch ein lebenslustiges Kind gerührt wird. Dazu kommt der Geißenpeter, im Flachland eher Gänsehüter, nicht gerade ein angesehener Beruf. Aber alle haben, wie im Heimatfilm üblich, das Herz auf dem rechten Fleck. Eine Verpflanzung in die Großstadt ist unmöglich, ein Ausflug kann es höchstens sein. Das glückliche Ende folgt, wenn erstens das Alpenkind zurückkehren darf, nicht vollständig zwar, doch genug, um den Zurückgebliebenen die Lebensfreude wieder zu geben. Gleichzeitig erfahren auch die Großstadtmenschen das Glück der Natur, der Rollstuhl wird überflüssig.

Wenn man die Geschichte um Heidi so verkürzt, wird man ihr natürlich nicht gerecht. Sie wurde immerhin schon um 1880 geschrieben, in einer Zeit also, als die Industrialisierung nicht nur für „Fortschritt“ sorgte, sondern auch für bittere Armut, die hier immerhin mit dem Begriff der Würde verknüpft wird sowie Begriffen wie Dankbarkeit, Heimat, Zugehörigkeit, Sicherheit usw.

Warum sie allerdings heute dieser Zeit entsprechend illustriert wurde, kann man freundlicherweise nur mit „Nostalgie“ bezeichnen. Der Argumentation, dass Romane von Rosemarie Pilcher auch heute noch zur besten Sendezeit im Fernsehen gezeigt werden, kann man nichts entgegensetzen.

Geschmacksbildend sind die Illustrationen jedenfalls nicht, die Geschichte ist dahingehend entschuldigt. Die Personen wirken wie hineingesetzt in eine Umgebung, merkwürdig leblos, obwohl doch hauptsächlich Gefühle angesprochen werden. Die erste Heidi wirkt wie ein peruanisches Mädchen mit den mehrfachen Röcken, dem großen Tuch und dem Herrenhut. Die Vögel im Hintergrund sind wie geöffnete V’s (sehr verpönt in Kunstlehrerkreisen), im Vordergrund sind sie gar nicht ängstlich, sondern eher neugierig auf Heidi, so wie auch die Häschen im Spiel aufhörten und dem Kind auf ihrem Weg zuschauen. Süß.

Es wird auch sonst kein Klischée ausgespart: Kuckucksuhr bei der fast blinden Großmutter, ein Spinnrad neben ihrem Stuhl. Schwerer Schnee auf den Tannen und dicke nasse Flocken vom Himmel fallend, derweil Großvater (der Name „Almöi“ fällt nicht in der Geschichte) mit Heidi auf einem Schlitten durch den dichten Tann talwärts fährt, begleitet von den neugierigen Blicken des Fuchses und von zwei Häschen, die geplusterten Vögel heben nur leicht den Kopf.

 

Warum dieses Thema, diese Geschichte? ist wohl die erste Frage. Die zweite zielt noch einmal nach: Warum in dieser „traditionellen“ Art illustriert? ist die nächste, wobei das Adjektiv sehr vorsichtig benutzt wurde.

 

Unabhängig von dieser Rezension, gefällt das Buch vielen Kindern im Alter von vier bis 10 Jahren übrigens gut. Die Welt unserer Jugend sucht offensichtlich die „heile Welt“. Wenn sie nicht dazu führt, die tatsächliche Welt zu verdrängen, darf sie bestimmt auch da sein.

 

Ulrich H. Baselau für den "Wittmunder BilderBuchBär"en