Lisbeth Zwerger & Brüder Grimm:
Der Rattenfänger von Hameln

Nacherzählt von Renate Raecke

Bargteheide: Minedition 2009

www.minedition.com

ISBN 978-3-86566-083-1
28 Seiten * 14,95 € * ab 03 Jahre

 

 

 

 

Kurz und knapp und den Kern treffend wird die Geschichte von der Not Hamelns erzählt: Die Ratten haben die Stadt übernommen – bis ein Flötenspieler sie alle in die Weser führt. Ja, so einfach geht das, was man kann. Und so schnell vergisst der Magistrat, wie schlimm die Situation noch gerade war. Den verdienten Lohn wollen sie dem Rattenfänger nicht geben. Der rächt sich grausam.

Versprechungen in der Not

Die ohnehin recht kurze Sage wird durch die Nacherzählung noch einmal verkürzt und in zehn Abschnitten „auf den Punkt“ gebracht. Anstatt dankbar zu sein, erweisen sich die Stadtoberen als geizig. Das gegebene Wort gilt ihnen wenig, als die Gefahr erst einmal vorbei ist. Der Mann hat die Stadt von der Plage befreit, nun soll er sehen, wo er bleibt. Der Rattenfänger verschwindet.

Am 26. Juni aber, und die Nennung eines Datums ist sehr ungewöhnlich, kommt ein Mann „im Gewand eines Jägers“ (es ist also keiner) in die Stadt. Die Erwachsenen der Stadt sind in der Kirche (so wie es „Saubermänner“ sind), als der Ankömmling mit den Kindern an / in einem Berg gerade außerhalb der Stadt verschwindet. Niemand wurde seitdem wieder gesehen.

Es gibt verschiedene Interpretationsversuche, die harmloseste ist die, dass die Pest dereinst wütete und die Kinder dahinraffte. Man begrub sie selbstverständlich außerhalb der Stadtmauern, und die Zurückgebliebenen trauerten. Ob’s stimmt?

 

Lisbeth Zwerger macht daraus trotz der freundlichen Farben eine bedrückende Bildergeschichte. Sie beginnt bereits an der Innenseite der Buchdeckel. Einem leeren graugrün gedrucktem Blatt folgt das gleiche, das jedoch rechts einige wenige Fachwerk-Häuser zeigt. Wir werden hineingezogen in die mittelalterliche Stadt – so wie wir sie am Ende auf dem Nachsatz wieder verlassen, diesmal aber in kräftigem Blau, aufwühlend, links noch mit der Andeutung eines Hauses sowie einem stadtwärts gerichteten Tier. Rechts dann nur noch das Tier, etwas tiefer, nach außen gerichtet. Sehr verstörend sind sie, die vier Bilder.

Die textbegleitende Mitte beschränkt sich nicht nur auf die leicht hochformatigen Bilder, auch auf der Textseite zeichnet Zwerger zumeist Ratten, einmal nur deren Schwänze, dann drei in Demut gebeugte Menschen in einem Buch lesend. Sie schauen nach links, zurück also, während auf der rechten Bilderseite die Kinder eilen. Aber auch sie laufen nicht nach rechts aus dem Bild heraus, sie laufen nach links unten, ganz knapp an den betenden Drei vorbei. Die Schatten zeigen an, dass die Kinder in das Licht laufen. Nach dem Umblättern sind sie fort. Wir sehen ein geschlossenes Stadttor und auf der Textseite, wie sich das taubstumme Kind und das blinde umarmen – so, wie wir Puppen hinstellen würden, damit sie Intimität und gegenseitige Stütze zeigen sollen.

Zu jedem der anderen Bilder ließe sich eine klausurfähige Interpretation schreiben – auch, weil die Bilder mehr andeuten als zeigen und sich zugleich einer einfachen Beschreibung entziehen. Das tiefe Tor nach draußen in das ganz blassblaue Nichts hinaus, die Figur mit dem wehenden Mantel ist kaum noch zu erkennen. Ihr folgen dicht an dicht unzählige Ratten, strömen in das Dunkel des Tordurchgangs und hinten wieder ins Licht. Aber auch der Zug aus fast gleichen Rattenleibern wird unterbrochen durch einige springende Tiere, vielleicht wurden sie verbissen, vielleicht sind sie im Versuch, sich weiter nach vorn einzureihen. Dazu kommen unten aus der Textseite herauslaufende Ratten, wir sehen nur noch ihre Schwänze. Wir vermuten einen großen Bogen, damit die Tiere den Weg durch das Tor finden. Ein unangenehmes Kribbeln im Bauch könnte daher rühren, dass der gedachte Weg genau durch diesen führt.

 

Es gibt sehr viele Bücher, die Lisbeth Zwerger illustrierte. Dies gehört besonders herausgehoben.

 

Ulrich H. Baselau für den "Wittmunder BilderBuchBär"en