Stella East:
Sim, das Wolfsjunge

Aus dem Norwegischen von Ina Kronenberger

München: Hanser 2009

www.hanser.de

ISBN 978-3-446-23378-2
32 Seiten * 14,90 € * ab 03 Jahre

 

 

 

 

Ob sich „wilde Tiere“ wirklich an die Zeit in Freiheit „erinnern“ können und diese Erinnerung weitergeben an andere, mag bezweifelt werden. Aber wir Menschen können uns gut hineindenken in die entbehrungsreiche aber freie Welt der Tiere, der Wölfe, in die Jagd im Rudel, das Aufziehen der Welpen durch das Rudel, die Teilung des Rudels, weil der Raum und die Nahrung nicht ausreichen. Nun also Gitterstäbe und Zoobesucher.

Welche Aufgabe hat ein Zoo, heute?

Sim ist Wolfsjunges. Seine Mutter Una kannte sie noch, die Freiheit, die immer auch Unsicherheit bedeutete, denn sie verließ eines Tages ihr Rudel. Den Grund erfahren wir nicht, aber dass sie Hoka traf, sich die beiden ineinander verliebten als wären sie Menschen, dass sie schwanger wurde und kurz darauf Hoka von Zoojägern getötet und sie selbst gefangen wurde.

Ein sehr eindringliches Bild im Vorsatz: Acht gleichstarke Stämme sehen wir im Hintergrund, links sind sie deutliche Stäbe eines Käfigs, nach rechts hin verwandeln sie sich Stück um Stück in Bäume. Im Vordergrund sehen wir links, also im Käfigbereich zwei große Fußabdrücke eines Wolfs auf einem durchfurchten Boden. Offensichtlich ist er von den Wölfen im Laufe der Tage, Monate, Jahre zerkratzt worden und wieder und noch einmal. Der Boden wird nach rechts hin, dort wo die Gitterstäbe zu Baumstämmen wurden, glatt und von der Sonne beschienen. Die Fußabdrücke ähneln denen auf der linken Seite, aber welch ein Unterschied!

Die folgenden Bilder und der Text wechseln zwischen Traum, Erzählung, Rückblick und heutiger Situation. Wir wissen, wie es den Wölfen heutzutage geht im Zoo. Viele Menschen schauen sie und denken – vielleicht – darüber nach, wie der Wolf als Hund und treuer Freund des Menschen domestiziert wurde.

 

Das Buch kann sich nicht entscheiden. Ist es ein Plädoyer gegen das Halten von Tieren im Zoo? Ist es ein Aufruf, sich beim nächsten Zoo-Besuch auch der anderen Tiere anzunehmen, nachzufragen, wo sie herkommen, wie sie in Wirklichkeit leben oder lebten, ob man die Zeit zurückdrehen kann? Der Vorsatz am Ende des Buches hätte leicht gedreht werden können, aber auch dort geht der Weg vom Gitter zur Freiheit. Auf den letzten Seiten wird das Bilder- für vier Seiten auch noch zu einem (textlichen) Sachbuch. Das ist nun gar nicht schlimm, denn wir werden sowohl von den Bildern als auch von der Geschichte „berührt“. Und auch wenn wir weder dem Wolf morgen vor unserer Haustür begegnen möchten noch ihn zwischen den hohen Zäunen im Zoo sehen mögen, können wir den Wunsch „der Kreatur“ verstehen, nicht gefangen gehalten zu werden.

Dass diese Tiere in Freiheit „irgendwie“ überleben müssen, wird im Buch behandelt. Das Rudel hat den Elchbullen eingekreist, das Bild zeigt es deutlich. Der Text spricht aber von einem Entkommen. Auf der nächsten Seite wurde das Opfer – per Text – dennoch erlegt und als Futter für die Welpen nach Hause gebracht.

Die kritischen Stellen werden also ausgespart, aber den Kindern wird das erst später auffallen.

 

Ulrich H. Baselau für den "Wittmunder BilderBuchBär"en