Eduard Mörike & Hannes Binder:
Um Mitternacht

Zürich: Bajazzo 2009

www.bajazzoverlag.ch

ISBN 978-3-905871-06-7
36 Seiten * 14,90 € * ab 08 Jahre

 

 

 

 

In dem ungewöhnlich schmalen Querformat interpretiert Hannes Binder ein zweistrophiges Gedicht von Mörike. Titel und Inhalt kommen der Bildertechnik sehr entgegen: Aus schwarzem Grund wird Weiß in kurzen oder längeren Linien so herausgearbeitet, dass der Eindruck von „filigranem“ Holzschnitt entsteht.

Schwarz

Sie halten sich die Waage, noch, der Tag und die kommende Nacht, andere sprechen von der „Blauen Stunde“, die Mörike in seinem Gedicht als Erinnerung der Nacht an die gerade vergangene Zeit benennt. Aus ihr, der gerade vergangenen Zeit des Tages, schöpfen Land wie Wasser die Erinnerung, behalten sie als Quelle in den Wörtern „vom Tage, vom heute gewesenen Tage“.

Binder nimmt sich Vers für Vers vor, gibt jeder Zeile ein eigenes Bild auf der rechten Seite. Die Grundstimmung ist schwarz, wie die Nacht schwarz ist. Viele Linien schaffen ein Bild aus dem Schwarz, lassen das Meer heranrauschen an das Ufer, Wirbel entstehen, mit Wucht greifen die Wellen das Land an, unentwegt und wild, während der Weg wie die Pflanzen und Häuser ruhen, still und starr verharren und warten.

Doch dann verlegt Binder die Szenerie in die Großstadt, statt Berge sehen wir Hochhäuser, statt Waage sehen wir eine menschenleere Szenerie eines Fußballfeldes oder die hohen Bögen einer schweren Brücke, die die fünfgeschossigen Häuser überragt und ihnen den Schatten der letzten Sonnenstrahlen oder der Lichter der Straßenlaternen gibt.

So verlegt er seine Sicht mal um mal aus der Naturlandschaft des romantischen Gedichtes in unsere städtische Jetztwelt, die jedoch merkwürdig still ist dabei, fast geisterhaft ruhig. Ein Ausflug der Techniker in die Gebirgswelt wirkt fast absurd: Da versucht ein Tontechniker die Geräusche eines Felssteins aufzunehmen, der sich doch gar nicht auf der Schräge bewegt, während der Fotograf sich fast unbeteiligt das Unterfangen anschaut. Sehr merkwürdige Bilder, die so gar nicht zum Text zu passen scheinen, die aber gerade dennoch dem Text eine neue Chance geben, sich auch gegen die Bilder zu beweisen, sodass beide eine Einheit bilden können, der eine auf dieser Schale der Waage, der andere auf der zweiten.

Ganz interessant, wie mithilfe der Linien Licht und Schatten entstehen, sich Spannung aufbaut durch orthogonal gefärbte Flächen, Fluchtpunkte den Blick lenken und nicht zueinanderpassende Dinge oder Situationen aufeinanderprallen.
 Tag und Nacht, die Dunkle kommt, die Helle bleibt als Erinnerung und Zukunftsvision.

 Wahrscheinlich kein Kassenerfolg, dafür sind das Gedicht und die bildliche Interpretation zu weit weg vom „Publikumsgeschmack“. Für alle anderen, vor allem allerdings für Erwachsene, ein mutiges Buch, mit dem man nicht so einfach fertig wird.

 

 

 

Ulrich H. Baselau für den "Wittmunder BilderBuchBär"en