Franz-Joseph Huainigg & Verena Ballhaus:
Wir verstehen uns blind

Wien: Annette Betz bei Ueberreuter 2009

www.annetteb etz.com

ISBN 978-3-219-11198-X
28 Seiten * 12,95 € * ab 06 Jahre

 

 

 

 

Matthias, ein blinder junger Mann „sieht“ während des Winterschlussverkaufs die kleine Katharina, die offensichtlich ihre Eltern in dem Gewühle verloren hat. So wie wohl die Eltern sie suchen, so beginnen die beiden, die Eltern zu suchen. Bei der Polizei führen beide Spuren zusammen – und wir haben sehr viel gelernt über das Leben von Blinden in unserer Welt.

Ich sehe was, was du nicht hörst

Ein wichtiges Thema mit einer leider schwachen Geschichte und vor allem mit einigen ärgerlichen Patzern: Wenn sich zwei Menschen nach dem Kauf von Äpfeln hinsetzen, dann essen sie nicht „ein paar Äpfel“, die sind dann abgezählt. Wenn man einen Internet-Laden betritt, dann kann man nicht seinen Laptop „in das Internet stecken“, das klingt fast wie „das Internet herunterladen, damit man off-line arbeiten kann“. Entsprechend gilt, dass man nicht „einige Stationen mit der U-Bahn“ fährt, sondern zwei oder sieben.

Solche Dinge sind sehr ärgerlich, denn das Thema ist wichtig, die Begegnung von Kind mit einem (jungen) Blinden schafft viele Möglichkeiten, die jeweils andere Welt wenigstens ansatzweise darzustellen. Hören anstatt Sehen und Fühlen anstatt Lesen sind wichtige Teile des Lebens von Blinden. Hier hat Matthias außerdem einen Hund, der ihm hilft, nicht in die Fallen des Alltags zu tappen. Gemeinsam werden das noch sehr junge Mädchen und der vielleicht schon Zwanzigjährige vielleicht auch noch Filme anschauen und verstehen.

Verena Ballhaus zeichnet, was ihr der Text vorgibt – und ein bisschen darüber hinaus. Ihre Figuren sind vereinfacht, damit sie auch im Getümmel wiedererkennbar sind. Matthias zeichnet sie mit Schirmmütze und wehendem gelbem Schal, die Beine seltsam steif. Katharina ist deutlich erkennbar mit roter Baskenmütze und gleichfarbenem Mantel, aus dessen Ärmel sie gekordelt verbundene Handschuhe zeichnet. Den Widerspruch in sich, ein Bilderbuch mit dem Thema Blindheit zu illustrieren, löst sie sehr souverän. Zumeist sind Bild und Test deutlich getrennt, der Text selbst aber wird gestaltet (einige Wörter / Satzteile sind fett gedruckt).

Leider wird die Braille Schrift nur in Form von schwarzen Punkten in 2x3 Kästchen dargestellt und nicht erhaben, wie sie es in der Tat ist. Selbst die Erhabenheit der Punkte wird nicht erwähnt. Wäre da nicht die Illustration, wüssten wir auch nicht, wie diese Schrift auf dem Computer sich zeigt, nämlich auf einem speziellen Laptop mit einer zusätzlichen Zeile, auf der die Brailleschrift mit erhabenen Punkten so abläuft, dass sie mit den Fingern spürbar ist.

Ein bisschen mehr Sorgfalt täte dem Sachbilderbuch Anspruch schon gut zu Gesicht.

 

 

Ulrich H. Baselau für den "Wittmunder BilderBuchBär"en