Chiara Carrer:
Das Mädchen und der Wolf

Aus dem Italienischen von Dorothea Löcker

Wien: Picus 2009

www.picus.at

ISBN 978-3-85452-14-1
32 Seiten * 14,90 € * ab 03 Jahre

 

 

 

 

 

Nicht das Mädchen trägt die rote Kleidung, sondern der Wolf, und er sieht dem Teufel viel ähnlicher als einem Tier. Die Geschichte endet auch nicht wie bei Grimm, das Böse kommt zwar nicht zum Ziel, aber es bleibt. Der Bedrohung entsprechende Bilder malt, schneidet und klebt Chiara Carrer – sehr ungewöhnlich und sehr geschmacksbildend.

Rotkäppchen?

Das Mädchen erhält den Auftrag, der Großmutter einen noch warmen Laib Brot zu bringen und eine Flasche Milch. Weiß ist die Milch und ebenso ist das Mädchen gekleidet. Schmale bunte Streifen im Rock zitieren ihre langen, zu einem Pferdeschwanz zusammen gehaltene Haare. Das helle Haus der Mutter mit der roten Tür trägt die Nummer 6, das der Großmutter sieht genauso aus, hier hat sich die Nummer lediglich gedreht. Carrer hat minimal mit Bleistift auf Karton gezeichnet und Haus, Tür Mädchen und Nummer geklebt. Zwischen den beiden Häusern sieht man einen verschlungenen weißen Weg auf schwarzen Karton geklebt und darüber einen roten Wald. Die Bäume erinnern an ein Netzwerk, ihre Äste sind miteinander verbunden wir die Nervenzellen im Gehirn. Ein einzelner schwarzer Baum tritt aus diesem Gewirr heraus.

Zielstrebig geht das Mädchen mit langen Schritten durch das nächste Bild, auf dem der Wald aus langen schwarzen Baumstämmen mit bedrohlichen, spitzen, Dornen ähnlichen Ästen gespickt sind und vor dem weißen Hintergrund unseren Blick einfangen, sodass wir ihn fast gar nicht wahrgenommen hätten, den ganz aus rotem Karton ausgeschnittenen Mann mit dem langen Mantel und den großen Ohren, die auch als Hörner eines Teufels durchgehen könnten. Sie unterhalten sich nur ganz kurz die beiden, wählen je einen anderen Weg, und das Mädchen pflückt einige Farne, damit der Wolf Zeit genug hat, die Großmutter ohne viel Federlesens zu fressen, wir sehen sie nicht einmal auf dem Bild.

Die bekannte Szene mit den Fragen des Mädchens und den Antworten des Wolfes wird hier ein wenig ausgeweitet und mündet direkt in eine eindeutig sexuelle Richtung. Das Mädchen soll sich ausziehen und die Kleidung Stück für Stück im Kamin verbrennen, „du wirst es nicht mehr brauchen“ kommentiert der Wolf jedes mal.

Die Szenerie wird immer dunkler, geprägt von tiefem Schwarz und Rot, allein das Mädchen ist immer noch aus dem hellen Karton geschnitten und geklebt.

 

Eine verstörende Geschichte erzählt uns die Autorin, wo wir doch glaubten, wir kennen sie längst. Fast lakonisch wird erzählt, dass die Großmutter gefressen wird – allerdings bis auf eine kleinen Rest, den er sich zunächst für später aufheben will, dann aber dem Mädchen zum Essen anbietet. Ihre Weigerung wird von einer Katze gelobt, die sie aber zugleich warnt: „… sei auf der Hut, mit Wölfen ist nicht zu spaßen!“

Das Mädchen kann letztlich mit knapper Not entkommen, kein Wort vom Jäger, kein Wort von Wackersteinen und Brunnen und wieder lebendiger Großmutter. Das gibt es doch nur im Märchen.

Dies hier ist eine wahre Geschichte.

 

 

 

Ulrich H. Baselau für den "Wittmunder BilderBuchBär"en