J. &W Grimm, Nicola Cinquetti & Stefano Morri:
Rotes Käppchen

Aus dem Italienischen übersetzt von Grazia Piombo

Eppelheim: Staudt 2007

www.staudt-verlag.de

ISBN 978-3-939785-03-3
28 Seiten * 14,95 € * ab 03 Jahre

 

 

 

 

Ganz neu erzählt und aus dem Italienischen (zurück) übersetzt: Die Geschichte der Unschuld im roten kurzen Mantel mit der Kapuze, die eng wie eine Kappe an ihrem Kopf anliegt, ist zugleich die Geschichte des dunklen Verführers, der mit seinen Vorschlägen nur sein eigenes Wohl im Sinn hat. Die sehr ungewöhnlichen Illustrationen machen das Buch zu etwas Besonderem.

Rotkäppchen - anders

Immer leuchtet dem kleinen Mädchen ein heller Schein ins Gesicht, zumeist dort, wo die Nasenwurzel sitzt, eine Stelle, die auch bei der Großmutter so gar nicht realistisch gezeichnet ist. Alle Bilder sind stumpf und bewegt, mit vielen Linien in ihrer Struktur verstärkt. Im grünen Grundton leuchtet das Rot der Kleidung heraus, lenkt den ersten Blick auf das Mädchen, dem Stefano Morri ein (durchaus überflüssiges) Rotkehlchen zur Seite gestellt hat. Eine schöne Formulierung nimmt uns gleich zu Beginn für das kleine Mädchen ein: „… dann hättest du gar nicht anders gekonnt, als es zu mögen.“
Die noch junge Mutter schickt ihre Tochter zur Großmutter, durch die offene Tür weht ein Wind in das aus und bauscht das Kleid. Rotkäppchen wieder mit dem Licht im Gesicht – unschuldig, naiv, gutgläubig. Sie kennt gewiss noch keine Heimtücke und Hinterlist. Im braunen lichten Wald versteckt sich der Verführer hinter einem Stamm, verfolgt sie mit seinen Blicken. Der Sturm tobt in den Baumkronen, wirbelt sie als wäre er viele Windhosen, während Rotkäppchen auf dem Weg nichts davon mitbekommt. Einige wenige rote Tropfen, kaum auffällig aber dennoch vorhanden, begleiten das Mädchen.
Als könne man die Unschuld noch steigern, sehen wir das Kind in der Wiese mit dem hohen Gras von einer farbigen Blume zur nächsten hüpfen, den Blick jeweils auf die nächste Blüte gerichtet. Es gibt im Moment nichts Anderes auf der Welt.

 

Wer den Originaltext nicht kennt, wird die Formulierung nicht vermissen. Hier stellt Rotkäppchen keine Fragen, sie stellt fest: „Das sind nicht deine“ Augen, Ohren, Arme und Mund, und der Wolf antwortet wie bekannt.
Rotkäppchen entspringt nicht dem Bauch des Wolfes, sie liegt willen- und bewusstlos im Arm des Jägers, der es im Text dann an sein Herz drückt, „ruhig und stark wie ein Vater“.
Am Ende sitzt das Kind im offenen Fensterrahmen, der Wind spielt mit der Gardine. Ihr Blick ist in die Ferne gerichtet und sie lauscht auf „die Stimmen des Waldes“. Das eine Bein mit den kniehohen braunen Stiefeln hat sie auf die Fensterbank gestellt, sodass das Kleid ein wenig nach oben rutscht. Es scheint, als sei sie reifer geworden, die Zeit der Unschuld vorbei.

 

Eine sehr gelungene, schöne und in Teilen auch neue Darstellung des bekannten Märchens, bei dem allein das Rotkehlchen unpassend ist.

 

 

Ulrich H. Baselau für den "Wittmunder BilderBuchBär"en