Franz Hohler & Nikolaus Heidelbach:
Das große Buch – Geschichten für Kinder

München: Hanser 2009
www.hanser.de
ISBN 978-3-446-23312-6-
318 Seiten * 19,90 € * vorzulesen für Kinder ab 05 Jahre

 

 

 

 

Die Geschichten müssen wohl auf der Straße liegen, aber nur wenigen Menschen ist es (leider) vergönnt, sie zu sehen, aufzuheben und aufzuschreiben. Wir anderen dürfen sie immerhin nachlesen und uns daran erfreuen. Und, als wäre das noch nicht genug, liefert Heidelbach fast lakonische Bilder dazu, wie üblich hintergründig und zugleich ohne Hintergrund, sodass die Figuren der Geschichte fast „nackt“ stehen, obwohl sie sehr wohl bekleidet sind.

Ungerecht

Es beginnt mit der Kreide und dem Schwamm und endet mit diesen. Lässt sich die Kreide zunächst noch von der drohenden Löschung ihrer Schrift auf der Tafel beeinflussen, ist sie am Ende mutig: „Das Wichtigste im Leben …“ schreibt sie, ist eben nicht der Schwamm, sondern „die Freude“. Und die hatten wir am Ende des Buches fast 100-fach.

Alle Geschichten sind kurz, einige sogar sehr. Das ist nicht nur angenehm, sondern auch sehr praktisch beim Vorlesen. Mehr? Gern. Ungeduldig? Hören wir auf für heute mit dem Vorlesen.

Was transportiert wird, ist vor allem Humor, und zwar hintergründiger Humor. Den kann man nicht erlernen, den kann man nur erfahren. Es gibt dazu nicht viele Chancen, denn wer nach vielleicht der fünften Geschichte nicht dies „lustvolle Zuhören“ verspürt, der wird sich vielleicht für immer diesem Humor verschließen. Das wäre sehr schade. Also geben sich Autor wie Illustrator von Anfang an große Mühe.

Hugo fühlt sich schuldig für dies und das und für alles andere auch, letztlich sogar für einen Krieg. Dann aber kann er für dessen Ende sorgen, obwohl niemand seine Leistung kennt außer einer Gruppe von Lesern. Das sind wir, und wir wünschen uns diese Gruppe möglichst groß. Wie sonst wüssten wir von den wahren Ursachen von Eiszeiten oder von der Wahrheit des Begriffs „strohdumm“? Von Prinzen erzählt Hohler, von Jesus, von Osterhasen und Pfingstspatzen, von einem armen Schwein, einem dummen Affen und einer blöden Kuh, von Flamingos und einem Mann mit brauner Mütze.

Man kann die Rezension verkürzen, indem man eine kurze Aufforderung schreibt: LESEN! bzw. VORLESEN LASSEN!

 

Zu jeder Geschichte liefert Heidelbach mindestens ein Bild. Er zeichnet realistisch, fast fotorealistisch, aber die Bilder kommen künstlich daher. Sie bestechen durch ihre Klarheit und dem gleichzeitigen Fehlen von Hintergründen. Das passt sehr gut zu dem hintergründigen Humor der Geschichten und liefert viel mehr als „nur Illustration“. Viele Bilder erhalten eine eigene, ganze Seite, andere werden in den Text eingefügt, schmiegen sich ein (nicht: an). Die Farben sind nie aufdringlich, dann schon eher die Blicke der Personen, die Heidelbach oft genug nach außen schauen lässt, auf dich und mich. Wir fühlen uns beobachtet. Das ist aber gar nicht unangenehm, denn wir nehmen uns ja nur gegenseitig wahr.

 

Dank an den Verlag, der diese beiden Macher zusammengeführt hat. Ein ausgesprochen gelungenes Buch, das in möglichst vielen Familien neben den Hausbüchern stehen sollte, sie nötigenfalls auch ersetzen. Aber auch wenn dort gar keine Bücher stehen sollten – dieses würde die Lücke schon zu einem guten Teil füllen.

 

Ulrich H. Baselau für den "Wittmunder BilderBuchBär"en