Nadja Budde:
Such dir was aus, aber beeil dich!

Frankfurt: Fischer 2009
Reihe: Die Bücher mit dem blauen Band

www.fischerverlage.de

ISBN 978-3-596-85321-2
xx Seiten * 19,95 € * ab 06 Jahre

 

 

 

 

Ein sehr ungewöhnliches Buch, sehr subjektiv und doch kann man sich schnell darin wieder finden, auch wenn man keine Kindheit „im Osten“ gehabt hat. Ein Bilderbuch im ganz anderen Format, fast Comic, unglaublich hintergründig witzig – da hat jeder etwas davon.

Mauz ist schon wieder tot

Man spürt die Liebe von Nadja Budde für ihre Großeltern, für ihre Zeit, die alte, die jetzige und die kommende. Sie beginnt mit ihren Vorfahren und endet mit dem eigenen Alter, wenn sie wieder Kind sein darf. Da kommt gar keine „Ostalgie“ auf, in der alles schön war, da wird aber auch nicht plump auf die eigene Vergangenheit gehauen. Natürlich gab es Bitterfeld und den schwarz-gelben Regen, den „Silbersee“, der Gottseidank mit Stacheldraht eingezäunt war. Es gab in der Stadt die Plattenbauten und Frau Lange, die Hausvertrauensfrau mit dem Hausbuch, in das sich der Westbesuch einzutragen hatte. Es gab die Parolen auf Holzplatten, aus denen man auf dem Land sehr schön kleine Ställe für die Hühner sägen konnte. Da waren auch die Frauen, die mit dem LKW hinaus fuhren auf die Felder. Sie „hatten schrumpelige Ellenbogen, große Brüste, dicke Fesseln, haarige Achseln und rochen nach Schweiß“, aber wenn gefeiert wurde, dann wurde der Lippenstift aufgetragen, gab es Bowle und kleine Häppchen mit Geflügelsalat, Schnaps und Sekt und manche „saßen auf Männerschößen“.

Der Tod nimmt einen großen Anteil in ihrem Bericht ein, der Stadttod und der Landtot, die sich sehr wohl voneinander unterschieden, denn der zweite war Teil des Lebens, der erste dagegen gab mit seinen Besonderheiten an: Man starb vor allem „auf den Straßen“ oder im Schlager („… Mein Freund der Baum …“). Auf dem Land starben die Katzen so oft, dass man ihnen – und ihren Nachfolgern – einfachheitshalber den gleichen Namen gab. Sie hießen Mauz, und wenn sie wieder einmal überfahren wurde, nahm man sie „mit einer Schippe von der Straße“ und warf sie „auf den Mist … Sie waren steinhart.“

 

Nadja Budde kritzelt, krickelt, benutzt einfache Formen für Gesichter und Körper – und trifft dennoch auch bekannte Personen der Weltgeschichte. Deutlich zu sehen inmitten einer Menschenmenge sind Karl Marx und Zorro, Muhammed Ai und Pan Tau, Sherlock Holmes und Lassie, Sindbad und Popeye. Sich selbst zeichnet sie unspektakulär, breiter Kopf, große und neugierige Augen, wenige braune Haare, die oben vorn zu zwei Schaukeln gebunden sind. Oft sprechen die Bilder das aus, was sie im Text auslässt, ergänzen, geben dem Hintergrundwitz eine weitere Chance.
Nur auf einer Seite sind gar keine Bilder, sie zeigen nur den handgeschriebenen Text mit den „Druckbuchstaben“. Dort zählt sie auf, was (für sie) das Kindsein war, und ihr fallen 81 verschiedene Namen ein, die je eine eigene Geschichte erzählen könnten („hinfallen, im Tunnel schreien, ins Badewasser pinkeln, Läuse haben … lügen, geimpft werden … Angst haben, tote Vögel beerdigen … Dreck fressen, Popel fressen …“) – und danach fallen ihr noch viele weitere ein, die sie aber wieder bebildert.

 

Ein Buch, das man ganz vielfältig „benutzen“ kann, das ein wenig gegen das Vergessen erzählt, das – auch wegen der Allgegenwart des Todes – sehr tröstlich ist, dass das Leben schön war, schön ist und auch schön sein wird, wenn man es nur nimmt, wie es ist.

Das Verstehen Kinder ab 6 Jahren bereits, ältere haben noch mehr Freude mit dem Buch – und ganz viel Vergnügen haben die Erwachsenen.

Mehr davon.

 

Ulrich H. Baselau für den "Wittmunder BilderBuchBär"en