Jean Regnaud & Émile Bravo:
Meine Mutter …

Aus dem Französischen von Kai Wilksen

Hamburg: Carlsen 2009

www.carlsen.de

ISBN 978-3-551-77790-4
120 Seiten * 17,90 € * ab 08 Jahre

 

 

 

 

Niemand erzählt dem kleinen Jean, Erstklässler, dass seine Mutter tot ist, und auch wir erfahren es erst sehr spät mit ihm. Er erzählt in mehreren Episoden aus drei Monaten seines Lebens im Jahr 1970, oft humorvoll, auch wenn ihm nicht immer danach ist. Eine sehr gelungene Mischung von Text zu Bild, mit viel Liebe zu den Figuren geschrieben und gezeichnet.

Erwachsen werden

Eine „Graphic Novel“ unterscheidet sich deutlich vom „Comic“ durch seinen Inhalt, obwohl die Form beiden gemein ist. Eine sehr gelungene Mischung von einer richtig guten Geschichte zu einer Bildergeschichte, die auch für sich selbst stehen könnte. Dann hätten wir allerdings oft nicht diesen Humor, der dadurch entsteht, dass der Text leicht oder etwas ganz anders erzählt als das Bild aussagt. Gleiches macht das Bild selbst, denn die Figuren sprechen oder handeln zum Teil anders, als ihre Denk- oder Verdeutlichungsblasen (Comic) uns erzählen („Paul und ich lieben uns inniglich …“ und man sieht, wie die beiden sich auf der Rückbank des Autos in den Haaren ziehen und sich boxen), oder sie verstärken den Text. Das Spiel zwischen den Ebenen beherrscht Émile Bravo hervorragend.

Die einzelnen Kapitel sind je gleichfarbig unterlegt und werden durch ein „Intermezzo“ ergänzt. Der kleine Erzähler, Jean, hat einen Bruder, Paul, der noch in den Kindergarten geht. Die beiden werden von Yvette, einem Kindermädchen, betreut. Der Vater ist Chef einer Konservenfabrik, arbeitet viel, ist verbiestert, uninteressiert, überarbeitet. Die Nachbarn sind schon sehr merkwürdig, die Tochter Michéle leidet unter der Aggressivität vom Vater und unter den Streitereien der Eltern. Dennoch hilft sie dem zwei Jahre jüngeren Jean. Die beiden treffen sich an / unter der Hecke der Grundstücksgrenze. Trotz einiger Vorbehalte gibt sich das Mädchen manchmal mit Jean ab. Sie weiß offensichtlich etwas, das weder Jean noch wir wissen, denn sie gaukelt dem Jungen vor, sie hätte Postkarten von Jeans Mama erhalten. Sie liest sie vor im Glauben, dem kleinen Jean zu helfen, der doch so gar keine Ahnung hat und bestimmt darunter leidet, dass er nichts von seiner Mutter weiß. So glaubt er gern, dass sie „auf Reisen“ sei, zumal alle Verwandten – auch die Eltern seine Mutter – ihm nichts erzählen. Er, auf der anderen Seite, fragt auch nicht. Zu gern glaubt er Michéle, die später im Zorn ihm und uns sagen wird, dass Jeans Mutter tot ist. Seinem Vater und der Vater-Oma erklärt er sein Heulen: Er habe erfahren, dass es gar keinen Weihnachtsmann gibt. Dabei bleibt er kapp an der Wahrheit, denn auch das hat er gerade erfahren.

So knapp an der Wirklichkeit gehen wir mit Jean immer mal wieder entlang. Der Schulpsychologe ist dafür ein Beispiel, die alte Lehrerin mit ihrem letzten halben Jahr, Alain, der Junge der – wie er selbst – übrig bleibt bei der Partnerbildung in der Schule und dessen Vater von Beruf „Anmaler von Zinnfiguren“ ist.

 

Bereits mit den ersten Bildern haben wir uns mit dem Ich-Erzähler identifiziert. Sein Leben scheint auch unseres zu werden, obwohl er uns in seine (französisch geprägte) Welt hineinzieht (sodass wir einige Male die Anmerkungen lesen müssen). Mittwoch Nachmittag können Schulkinder einander besuchen, weil sie ansonsten Unterricht haben. Die Spiele sind zeitengeprägt, Murmeln kann man heutzutage nicht mehr spielen, weil es keine ungepflasterten Flächen mehr gibt.

 

Eine wunderbare Geschichte, sehr nachhaltig dargestellt, auch und besonders für Erwachsene.

 

 

Ulrich H. Baselau für den "Wittmunder BilderBuchBär"en